Als am 16. März die Läden schlossen und wir nicht mehr ausklarieren konnten, ging alles ziemlich schnell. Plötzlich änderten sich die Regeln in unserem Leben, von einem Tag auf den anderen. Anfangs dachten wir, das geht ein paar Wochen. Nun leben wir seit 70 Tagen damit. Ich fühle mich an die Endzeitfilme erinnert. Etwas fürchterliches passiert, was die Welt lahm legt. Eine andere galaktische Lebensform, der Klimawandel oder ein Killervirus. Die Entscheidungsträger versuchen zu retten, was zu retten ist. Je nach Format sich selbst oder die Menschheit und ihre Welt. Alle anderen versuchen am Leben zu bleiben und entwickeln unterschiedliche Strategien.
Für mich ist im Rückblick nun interessant, dass ich solch eine Situation selbst erlebe. Nicht so dramatisch und spannend wie im Film. Mein Leben muss ja auch keiner gucken. Aber doch schaue ich zurück und beobachte uns. Erst haben wir das alles gar nicht so ernst genommen. Dann fügt man sich und versucht das Beste draus zu machen. Dieser Ausnahmezustand wird ja nicht lange dauern. Nach vier Wochen wurden wir nervös. Die Militärpräsens machte uns Angst. Mit Konditionierung blieben wir ruhig und nehmen bewusst Abstand von jeglichen Verschwörungstheorien. Zum Einen weil sie meist weit hergeholt sind und irgendeinem mehr oder weniger offensichtlichem Ziel dienen. Zum Anderen weil man diese Situation sonst nicht aushalten könnte. Die Angst würde ins Unermessliche steigen. Das wäre kein Leben mehr. Also passt man sich an. Während wir realisieren, dass das Ganze wohl doch ein wenig länger dauert, versuchen wir wieder selbst zu agieren. Schmieden Pläne, informieren uns konkreter, schreiben die Entscheidungsträger an und nutzen die Zeit für Reparaturen am Boot, die sowieso für später geplant waren. Wenn man die Zügel selbst in der Hand hat, fühlt man sich wohler, auch wenn sich objektiv nichts ändert.
10 Wochen später haben wir uns an die gesamte Situation gewöhnt. Sie fühlt sich für uns normal an, obwohl sie nicht normal ist. Die meisten Länder schließen immer noch ihre Grenzen oder fordern 14tägige Quarantäne für Einreisende. Der Markt ist nicht komplett offen, denn das Kunsthandwerk und die Lebensmittel teilen sich die Woche in Tagen auf, damit ein größerer Abstand möglich ist. Immer noch steigt die Zahl der Infizierten stetig an. Und doch besuchen wir uns wieder gegenseitig, denken ans Weitersegeln, gehen Einkaufen, akzeptieren Quarantänebedingungen, informieren uns nicht mehr über Veränderungen. All das fühlt sich völlig normal an, obwohl es im Vergleich zu unserem vorigen Leben ganz und gar nicht normal zugeht.
![]() |

Ich denke mir oft: was für ein Glück, dass wir zur Rettung der Menschheit lediglich zu Hause rumgammeln und nicht à la Walking Dead gegen ekelhafte Zombies kämpfen müssen 👍🏻
AntwortenLöschenDas stimmt. Sehr tiefsinnig!
AntwortenLöschen