Sonntag, 28. November 2021

Der Winter kommt - El Hierro

Ja, darüber könnt ihr nur lachen, denn in Deutschland herrscht echtes Novemberwetter und die ersten Schneestürme sind angesagt. Aber wir frieren. Es wird Zeit, mit den Zugvögeln zu reisen. Sie sind uns wahrscheinlich weit voraus. Wir tragen wieder lange Hosen, Kaschmirpullover und Weste. Ich nähe Stefan einen kuschelwarmen Bademantel. Abends läuft die Heizung an Bord. Jeder Sonnenstrahl wird eingefangen und nach langer Zeit gab es mal wieder heiße Linsensuppe.

El Hierro lohnt sich. Da die Insel so abgeschlagen liegt und außerdem so klein ist, verirren sich nur wenige hier hin. Als La Gomera schon lange fertig war, reißt die Erdkruste tief im Atlantik. Die austretende Lava türmt sich steil auf, bis der neue Gebirgsrücken aus der Wasseroberfläche ragt. 2000 Meter sollen es gewesen sein und dann stürzt ein Teil der Insel in Meer, verursacht einen riesigen Tsunami, der wohl sogar bis Amerika reicht und hinterlässt eine wundervolle langgezogene Bucht - El Golfo genannt. Dort quartieren wir uns in das kleinste Hotel der Welt ein, dort tosen die Wellen fortwährend an den schwarzen Basalt, von dort aus erkunden wir mit einem Mietwagen die Insel und dort fliege ich das erste Mal mit einem Paragleitschirm von über 1000 Metern Höhe hinunter ins Tal. Wie ein Adler kreise ich während des Sonnenuntergangs in der Thermik, ziehe einen großen Bogen über weiß schäumenden Wellen und türkisblauen Wasser an der rauhen tiefschwarzen Küste. 


Hier kann man wandern, César Manrique besuchen und bei ihm mit bester Aussicht über die El Golfo-Bucht zu Abend essen. Viele Aussichtspunkte bieten eine spektakuläre Sicht, da es überall sehr steil hinab geht. Von 1500 Metern sehen wir Teneriffa, La Gomera und La Palma. Hier wachsen die windflüchtenden Wacholder, jeder ein eigenes Kunstwerk. Hier war lange Zeit das Ende der Welt. Auf den westlichsten Zipfel der südwestlichsten kanarischen Insel legte man im Mittelalter den Nullmeridian. Erst 1884 wird er nach Greenwich verlegt. Damals hat man die Karten noch von links nach rechts beschriftet. Was für eine Verwirrung muss das gegeben haben. Musste man doch immer fragen, von welchem Jahr die Koordinaten stammen, um nicht plötzlich am völlig falschen Ort zu landen. Natürlich gucken wir uns den westlichsten Zipfel der alten Welt genau so wie auch den südlichsten an. Wieder einmal stehen wir am Ende der Welt und erinnern uns ans Kap Finisterre in Portugal.


Hier kann man sich in einem Freiluftmuseum die Häuser aus den letzten Jahrhunderten ansehen. Diese kamen erst mit den Spaniern. Davor lebten die Bimbaches in Lavahöhlen. Als man die Häuser obendrauf baut, werden sie als Keller oder Ställe weiter genutzt und so können wir auch diese heute noch besichtigen. Das ist wirklich spannend und einzigartig. El Hierro ist für viele Menschen zu trocken. Die Ureinwohner haben das Wasser von den Bäumen geholt. Von denen tropft es nämlich, wenn die Wolken in den blattreichen Kronen hängen. Diese heiligen Bäume können wir uns auch ansehen. Heute sind sie einbetoniert. Das Wasser fließt am tiefsten Punkt ab und kann so ohne Verluste eingesammelt werden. Durch den Nebel müsse wir auch immer wieder. Von einem Moment auf den anderen steckt man in der grauen undurchsichtigen Wolke und im nächsten Moment scheint die Sonne am hellblauen Himmel.


Nun bereiten wir uns auf die Atlantiküberquerung vor. Über Kap Verden geht es nach Martinique. In Mindelo wird das Wetter entscheiden, ob wir die Inseln noch ein wenig näher kennen lernen oder gleich weiter segeln. Die Reise bleibt spannend, kein Plan ist gewiss, Flexibilität gefragt. Wir haben alle Zeit der Welt. Nicht ganz, Anne und Daniel wollen uns Ende Januar in der Karibik besuchen. Darauf freuen wir uns so, dass wir natürlich rechtzeitig da sein werden. Ich werde mich nun doch noch einmal mit Französisch versuchen und habe für die Überfahrt einen Lehrgang gekauft. Mal sehen, ob man meine ersten Versuche dann wohlwollender entgegen nimmt.



Vogelperspektive auf unser Zuhause: Puerto de Estaca

Dinner bei César Manrique

Lavawohnhöle zur Bodega umfunktioniert

Das kleinste Hotel der Welt wird ständig
von schäumenden Wellen umspült

Wir finden fünf natürliche Basaltbrücken.
Wie lange die wohl halten. Ich traue mich nicht rauf.

Jeder dieser windflüchtenden Wacholder stellt ein Kunstwerk dar.

Wie ein Adler über den Wolken in der Thermik,
ich bin fasziniert und wahrscheinlich infiziert.


Montag, 15. November 2021

La Gomera - Auf Schusters Rappen

Auf der Karte sieht die Insel wie ein Weihnachtsplätzchen aus. Schaut man sie sich genauer an, handelt es sich eher um eines aus längst vergangener Zeit. 

Das 11 Millionen Jahre alte Eiland hat inzwischen schon so viel Regen, Wind und Wellen erlebt, so dass sich seine Bergrücken und Vulkanschlote nackt präsentieren. Wie uralte Wächter ragen die riesigen Felsen in der Mitte der Insel heraus. Von hier ziehen sich tiefe schmale Täler in alle Himmelsrichtungen zum Meer. Dort fließt das Regenwasser hindurch und der Mensch sorgt für viel Grün. Urzeitliche Laurazeenwälder bedecken die Füße der erkalteten Vulkane wie eine flauschig grüne Decke. Darunter wird es jedoch nicht warm. Die bemoosten Bäumchen fangen die Feuchtigkeit der Wolken ein und halten ihre eisigen Temperaturen fest. Der Wanderer muss entweder unempfindlich sein oder etwas Warmes zum Überziehen dabei haben. Auf den sonnenbeschienenen Felsen und unter dem schattigen Blätterdach herrscht ein Unterschied von 20 bis 30 Grad Celsius. Der letzte Vulkan war vor zwei Millionen Jahren aktiv und damit kann La Gomera wohl als Ururgroßmutter von La Palma gelten. Das junge Kücken wächst ja immer noch.


Wir erkunden die Insel wandernd. Mit dem Bus lassen wir uns von Ost nach West und von Süd nach Nord fahren und nutzen die alten Wege der Ureinwohner. Hier geht es so steil hinunter, dass sie wohl den längsten Wanderstab der Menschheit erfunden haben. So kann man besser die steilen Klippen von Absatz zu Absatz hinunter springen. Meine Stickis sind zwar nur etwa halb so lang, aber dafür habe ich zwei und sie sind eine gute Hilfe. Außerdem gibt es hier eine Pfeifsprache. So spart man sich den mühseligen Weg hinunter ins Tal und wieder hinauf. Man kann sich von der Terrasse über den Abgrund hinweg zum gegenüberliegenden Anwesen unterhalten. Heute steht diese Art der Kommunikation in allen Schulen der Insel auf dem Lehrplan. Wir entdecken wunderschöne kleine alte Orte, klettern scheinbar senkrechte Felswände hinauf und hinunter, wandern auf kargen Bergrücken entlang und schauen den Falken auf den Rücken, balancieren durch einen Flusslauf bis zu einem erfrischendem Wasserfall, im vergeblichen Bestreben, keine nassen Füße zu bekommen. Im Valle Grand Rey treffen wir fast nur Deutsche, während ich in San Sebastián mein Spanisch weiter trainieren kann. 


Dann werden wir quasi weggeschickt. Die Marina ist so überfüllt, das sogar Stefan an der Herrentoilette anstehen muss. Es gibt wohl eine ellenlange Reservationsliste und zwei Verlängerungen wären genug. Nun soll die Lady Platz für andere Boote machen. Da kein Wind ist, müssen wir erneut motoren, die gesamte Strecke bis El Hierro, neun lange Stunden. So darf das aber nicht weiter gehen! Immerhin haben uns die Delfine nicht vergessen. Sie besuchen uns, um eine Weile abwechselnd in unserer Bugwelle zu surfen.


Reparaturarbeiten: Unser Schiff soll dichter werden!

Nackte Bergrücken und im Hintergrund
die Wächter mit der grünen Fußdecke

Pause mit Vogelperspektive

La Gomera mit Teijde (Teneriffa) im Hintergrund

erodierte Vulkanschlote in der Inselmitte

der Zahn der Zeit

Na, hat er schon nasse Füße?


Liebe Grüße von La Gomera (Kanaren)

El Guru im Valle Grand Rey

So kommt man auch senkrechte Felswände hinauf.

...wie ein Adler von oben schauen...

Vallehermoso: Da gehts lang!