Montag, 20. September 2021

Wilde Überfahrt und explosive Begrüßung

Adeus Santa Maria und Hola La Palma


Mittwoch früh halb acht lösen wir die Leinen. Nach etwa vier Monaten, abzüglich der fünf Wochen Deutschland, verlassen Stefan und ich auf unserer Lady Charlyette das Azoren-Archipel. Drei Tage und Nächte sind für die Überfahrt nach La Palma im südlicheren Kanaren-Archipel geplant. Es werden schließlich fast vier, obwohl wir die meiste Zeit ziemlich schnell unterwegs sind.


Anfangs können wir uns ein wenig auf den offenen Atlantik einstimmen. Der Wind weht mäßig und die See hält sich einigermaßen im Zaum. In der ersten Nacht frischt es bereits auf und morgens sind die Wellen so wild, dass man sich nur noch von seinem sicheren Sitzplatz erhebt, wenn es unbedingt sein muss. Trotzdem koche ich noch. Mit der entsprechenden Organisation, denn auch ich habe nur zwei Hände, fliegt auch nichts im Boot herum. Nun kann ich meine Töpfe und Pfannen wieder ordentlich anschnallen, was eine deutliche Arbeitserleichterung darstellt. Ab und zu flüchte ich schnell ins Cockpit, um den Übelkeitsanfall an frischer Luft zu überwinden, bevor er erst wird. Auch dass will in der Kochlogistik eingeplant sein.


Aber wir müssen zusätzlich tätig werden. Der Gennaker, das große Leichtwindsegel, wird gesetzt, da der Wind im Gegensatz zu den Wellen immer wieder schwächelt. Wir haben ja jetzt einen nigelnagelneuen und sind schon gespannt. Kaum ausgerollt, muss er sofort wieder runter. Am Top, also ganz oben, klafft ein etwa zehn Zentimeter langer Riss. Das Segel wurde an dieser Stelle einfach schlecht verarbeitet. Wie ärgerlich! Also alles wieder wie vorher einrichten, Gennaker einrollen, herunter nehmen, einpacken und die zwei Vorsegel wieder raus. Eine Stunde Arbeit an Deck, angeleint, um nicht von der Lady zu fallen, und alles umsonst. Die nächste Aktion ist dann das Setzen des Ballooners, unseres zweiten Leichtwindsegels, das am hinteren Mast angeschlagen wird. Das steht dann immerhin ein paar Stunden, bevor es wieder eingepackt werden muss. 


Nachts schlafe ich im Seebett und Stefan macht sich im Cockpit lang. Ihr wisst immer noch nicht was ein Seebett ist? Es ist weder nass, noch ist die Matratze mit Wasser gefüllt. Das Seebett ist eine schmale Koje unter dem Cockpit in der Mitte des Schiffes, weil dort am wenigsten Bewegung im Boot ist. Auf der einen Seite habe ich die Wand, direkt über mir Schränke und auf der anderen Seite eine Segeltuchabspannung, damit man bei Schräglage nicht herausfällt. Jede Bewegung muss also mit Bedacht und im halbwachen Zustand ausgeführt werden. Trotzdem stoße ich mir wieder den Kopf an einer Schrankecke. 


Am dritten Tag ist die See dann so wild, dass ich nicht einmal mehr die Angel auswerfe. Das Cockpit verlassen wir nur im Notfall. Kochen muss nun Stefan, damit ich danach wenigstens etwas esse. Positiv ist, dass sich meine Taillie langsam wieder heraus bildet. Ich kenne das inzwischen, weiß aber auch, dass dies kein Grund zu übermäßiger Freude ist. Schließlich verschwindet sie nach der Überfahrt schnell wieder. Die Fahrt bleibt so wild. Mit durchschnittlichen sieben Knoten Fahrt, sind wir letztendlich gut 90 Stunden unterwegs und haben 631 Seemeilen hinter uns gebracht. Das letzte Stück habe ich im Video „Land in Sicht“ visuell festgehalten. (youtube: https://youtu.be/UeRB2_HmrK4)

Schaut mal rein.


Das erste Mal entern wir nachts eine Marina. Natürlich ist es dunkel und dies erschwert das Manövrieren. Entfernungen lassen sich viel schlechter einschätzen. Für unsere Einfahrt wird extra ein Brandungstor geöffnet. Um zwei Uhr sind wir dann endlich im Bett, dieses Mal wieder zu zweit in unserem Schlafzimmer. Gefühlt haben wir alle in der Marina geweckt. Tatsächlich beschwert sich niemand. Etwa zwei Stunden später bricht der Cumbre Vieja auf La Palma aus. Wir bekommen das erst am nächsten Tag mit.


Wie alle anderen in Deutschland erfahren wir Neuigkeiten auch nur im Internet. In Santa Cruz ist es ruhig und von hier sind nur ab und zu rot schimmernde Aschewolken zu sehen. Das kennen wir aus San Franscico, nur dort war es viel schlimmer. So nahe waren wir jedoch noch nie an einem wirklich aktiven Vulkan. Aus Tazacorte kommt ein deutscher Segler. Sie wechseln die Marina und überlegen, ganz von der Insel zu flüchten. Ein Ascheregen aus daumennagelgroßen Flocken ging auf ihr Boot nieder. Glücklicherweise landete nichts Heißes an Deck, aber die beiden wollen es nicht drauf an kommen lassen. Wir wären auch dort gelandet. Alle Welt empfiehlt Tazacorte und rät von Santa Cruz ab. Nur gab es dort keinen Platz für uns. Jetzt stellt sich heraus, dass es genau richtig so ist. In fünf Tagen wollen wir mit dem Flieger nach Deutschland, um mit der Mutti einen Abstecher nach Südafrika zu unternehmen. Seit zwei Tagen spuckt der Vulkan aus sieben Löchern feurige Fontänen. Bisher läuft der Flugverkehr normal. 

Hoffentlich bleibt das so.


Unser neues sonnenbetriebenes Herz der Küche.

La Palma voraus (siehe Video)

Marina Santa Cruz mit Caldeira im Hintergrund


La Palma, Tazacorte und Santa Cruz
inklusive der aufgezeichneten Vulkane.
Ihr seht, wir liegen sehr geschützt.

Das Land um den Cumbre Vieja brennt. 
Aktuell wurden 6000 Menschen evakuiert,
150 Häuser, Straßen und viel Wald sind bereits verbrannt.

Schönes Santa Cruz: Wieder einmal begeistern uns die Plätze und
das architektonische Durcheinander der letzten Jahrhunderte.


Die Stadt mit der Caldeira im Hintergrund. 
Jene schwefelfarbenen Wolken sind vom Cumbre Vieja.

Mittwoch, 1. September 2021

São Miguel - die Größte

Für uns ist es auch die letzte. Dann haben wir fünf von neun Azoreninseln gesehen. Flores und Corvo fallen aus, da die einzige Marina nach dem letzten Berghusten noch repariert wird. Pico und Graciosa haben nur unzureichende Ankermöglichkeiten. Deshalb werden es dieses Mal nur fünf. In Ponta Delgada müssen wir an den Steg, denn ankern können wir hier auch nicht. Immerhin sind die schwimmenden Holzwege lang genug für die Lady. Viele sagen: „São Miguel hat alles, was man auf den anderen Inseln verteilt findet.“ Wir besuchen die Schwefelquellen von Furnas und verbinden ein Bad in 38 Grad warmem Wasser mit einer Wanderung um einen Kratersee. Dort kochen an einer Stelle die Pfützen und Teiche. Aus der Erde dampft es. Das hatten wir auf Terceira auch. Hier ist es jedoch eindrucksvoller, aber auch voller. Touristenbusse karren ganze Ladungen ab und irgendwie stören die vielen Menschen. Jeder will sehen, wie die Suppentöpfe aus den Erdlöchern geholt werden.


Dann laufen wir wieder auf einem Kraterrand. Er ist so groß, dass zwei große und mehrere kleine Seen in ihm Platz finden. Außerdem nimmt die Caldeira ein Dorf, viele Felder und Kuhweiden und weitere Berge in sich auf. Ich stelle mir vor, wie der große Vulkan müde wird und die letzten Seufzer dann die Spitzen im Inneren bilden. Es ist die vielleicht beeindruckendste Caldeira, die wir sehen dürfen. Ein rings von hohen Mauern abgegrenztes Naturidyll. Warum man das Dorf Sete Cidades (Sieben Städte) nennt, bleibt uns jedoch verborgen. 


Auf São Miguel regnet es jeden Tag, wirklich jeden. Egal wie genau Stefan den Wetterbericht studiert und wir unsere Ausflüge entsprechend planen, wir werden immer nass und frieren teilweise auch. Wir sind einfach nicht mehr gewöhnt, uns warm anzuziehen. Das ist im Falle von Sonnenschein auch nicht ratsam. Gleich wird es brütend heiß, sodass wir das ganze Zeug schleppen müssten. Also frieren wir eben und behelfen uns mit den Handtüchern. Denn baden kann man hier auch wieder scheinbar überall. Das ist bei dem Vulkanstaub, oder je nach Wetter der Matsche, auch dringend notwendig. 


Die Portugiesen sind überhaupt ganz schöne Wasserratten. Immer sind die Schwimmbäder gut gefüllt. Dies liegt vielleicht daran, dass man keinen Eintritt zahlt. Nur für die Schwefelquellen zahlen wir pro Person stolze acht Euro. Sogar die Kaikanten und Hafenbecken nutzen Insulaner gern. Der Strand wird von uns ostseeverwöhnten Mecklenburgern wohl auch überbewertet. Portugiesen legen ihr Handtuch meist auf den nackten Beton oder die Asphaltstraße. 


Für mich ist zweifellos Terceira die schönste von den fünf besuchten Inseln. Ein Tagesstörn bringt uns zurück nach Santa Maria, Stefans Favoritin. Hier regnet es auch, aber viel seltener. Ich kann endlich mal wieder waschen und die Wäsche auf der Leine im Wind trocknen. Wie überall treffen wir auch hier viele Azorensegler wieder. Die Abende werden deshalb oft sehr gesellig. Stefan hat wieder viel am Boot vor. Der Dampfgarer ist da und soll eingebaut werden. Das große Leichtwindsegel ist gekommen. Die Scheibenabdichtung im Cockpit soll einmal komplett neu. vielleicht ist sie dann man dicht. Das Bugstrahlruder steigt aus und muss nun dringend repariert werden. Der Gennaker zerriss laut knirschend auf unserem letzten Törn. Nach 12 Jahren war er nun selbst für 15 Knoten zu altersschwach. Er wird nicht mehr repariert und muss dem jüngeren Tuch weichen. Seit Martinique lagert ja ein ganzer Satz nigelnagelneuer Segel im Bootsrumpf. Ich bin schreibmüde und hoffe der Elan kommt wieder, denn das Azorenbuch ist bisher noch sehr lückenhaft und São Miguel fehlt ganz. Wir haben Südafrika gebucht. Gemeinsam mit der Mutti geht es am 24. September zu den großen Tieren. Bis dahin will ich die Azoren im Groben fertig haben. Bis dahin muss aber auch die Lady in Tazacorte auf La Palma liegen. Etwa fünf Tage und Nächte wird sie brauchen, um bis dort hin über den Teich zu kommen. Drei Wochen haben wir noch.


Regen ist ja auch Lebenselixir

Auf dem Rand eines Vulkans.

Immer wieder faszinieren uns die Bäume dieser Erde.

Typisch portugiesisches Kunsthandwerk.
Dazu gibt es auf Youtube einen kurzen Film.

Mit Aufkleber ist unsere Lady nun gut zu erkennen.

Kochen in Erdlöchern, auch dazu gibt es einen Film.

38 Grad verwöhnen unsere Muskeln.

Hortensienblüten so groß wie Menschenschädel.

Eine weitere portugiesischen Handwerkskunst.