Sonntag, 31. Mai 2020

Wir segeln trotz geschlossener Grenzen weiter

Die 33 Seemeilen sausten wir mit durchschnittlich 8 Knoten durchs Wasser. Was für ein wundervoller Segeltag nach der langen Zwangspause. Das Coppercoat hat sich offensichtlich gelohnt. Fliegende Fische und Sturmvögel begleiten uns. Nachmittags fällt der Anker in der kleinen Bucht Raya auf St. Lucia. Wir wollen nicht einklarieren und hissen daher weder die gelbe noch die Gastlandflagge. Das ist neu für uns und wir sind uns nicht ganz sicher, ob das korrekt ist. 

Ein kleines Örtchen mit europäischem Kirchlein und karibisch farbenfrohen Häuschen empfängt uns in einer von Felsen umrahmten Bucht. Hier ist es deutlich trockener als auf Martinique, Dominica oder Guadeloupe. Die Insel ist nicht sehr hoch, so dass die Wolken wohl meist weiter ziehen. Deutlich südlicher befinden sich die beiden Zuckerhutvulkane. Mit über 700 Metern sind sie die höchsten Erhebungen. Dort gibt es wohl auch eine saftigere Flora. 

Mit einem mulmigen Gefühl verbringen wir die ersten zwei Stunden in dieser idyllischen Bucht. Die Fischer winken kurz angebunden und knattern wellenschlagend an uns vorbei. Als das erste Zoll- oder Polizeiboot an der Küste entlang fährt und uns nicht beachtet, entspannen wir uns langsam, genießen unseren ersten Sundowner nach Wochen und planen die Weiterfahrt. Morgen wollen wir bis nach Bequia. Das ist doppelt so weit wie die heutige Strecke. Ob wir das schaffen?

Sturmvögel fliegen blitzschnell

Hier hat er einen fliegenden Fisch, der sich wehrt.


Raya, St. Lucia

farbenfrohes Detail

Samstag, 30. Mai 2020

Männer!

Da sitzt man im entspannt im Cockpit, ist noch nicht ganz wach und trinkt seinen Tee. Während ich meinen Blick schweifen lasse, bleibt mein Blick an einem Bild hängen, das ich lieber nicht sehen würde. Da steht mal wieder ein Mann am Heck und strullert ins Meer. Auch er guckt in die Weite, hält seinen Pimmel, damit nicht allzu viel aufs Boot tropft. Diese Szene durfte ich in meinem bisherigen, doch sehr kurzem Segelleben bereits viele Male sehen und jedes Mal bin ich entsetzt. Muss das denn sein? Kann man nicht das Klo benutzen? Soll den jeder in Sichtweite mitzählen, wie oft diese Männer am Tag pinkeln gehen? Wie machen die das eigentlich mit dem Hände waschen? Gehen sie danach extra ins Bad oder schmieren sie sich gleich ihr Frühstücksbrot? 

Es soll ja auch Männer geben, die in den Garten gehen. Vielleicht sind da ja echte Urinstinkte im Spiel. Aber da muss das wahrscheinlich keiner unverhofft sehen und sich erschrecken. Hier auf dem Wasser gibt es keine Hecken, Zäune oder Bäume. Man müsste all die Herren fotografieren und die Bilder auf Instagram oder Facebook posten. Am besten auf der Martiniqueseite, denn da toben sich ja so gut wie alle Segler aus, die sich auf der Insel befinden, diese ansteuern wollen, oder einmal hier waren. Aber dann würden die Bilder, die man lieber schnell vergessen will, noch länger im Hirn haften. Damit ist auch keinem geholfen. 

Ich benötige also noch ein paar gute politische Tipps, wie man den Männern dieses Vergnügen nehmen kann, damit ich meinen Tee im Cockpit ohne solche Bilder genießen kann. Vielleicht sollte es eine Coronaverordnung geben. Das Pullern am Heck in aller Öffentlichkeit ist nur mit Maske und Handschuhen gestattet. Das ist keine gute Idee. Dann würde noch mehr Plastik im Meer landen. Bevor der Herr am Heck urinieren darf, muss er online ein Formular ausfüllen und an das Gesundheitsamt weiterleiten. Das ist schon besser? Nun muss nur doch die Wasserpolizei Streife fahren, um die neue Verordnung zu kontrollieren. In Vollschutz und kompletter Ausrüstung natürlich.


- natürlich ohne Bild -

Vorbereitung auf den Start

Nun haben wir während dieser unerwarteten Haftzeit, die so viel länger dauert, als anfangs gedacht, so viel erledigt. Ich habe ein Buch geschrieben und veröffentlicht. Unsere Lady genoss eine Wellnesskur, die ihr nun gut zu Gesicht steht. Sie ist nicht nur schöner, sondern auch schneller und sicherer. Nun bereiten wir uns auf den morgigen Start in den Süden vor. Endlich geht es mal wieder weiter. Schließlich wohnen wir auf einem Boot, um mobil zu sein. Zweieinhalb Monate sind nun wirklich genug. Einige unserer Seglerfreunde warten noch ab und hoffen auf weitere Grenzöffnungen. Andere segeln direkt nach Aruba, die einzige Insel außerhalb der Hurrikanzone, auf die man ohne größere Schwierigkeiten einreisen kann.

Wir wollen aber noch etwas von der Karibik sehen und werden deshalb gen Süden ziehen. Die Grenadinen sind unser nächstes Ziel. Vorher müssen wir an St. Lucia vorbei. Hier dürfen wir ohne Einklarierung nachts Ankern. Zumindest verspricht uns noonsite diese komfortable Aussicht, denn Nachtfahrten vermeiden wir gern. An St. Vincent wollen wir möglichst ohne Stopp vorbei. Die Ankerplätze haben bereits vor Corona keine positiven Bewertungen und ein Einklarieren ist nur mit einer 14tägigen Quarantäne an Land möglich. Das würde bedeuten, dass wir unser Boot auf einer Insel verlassen müssten, die ohnehin für Diebstahl und wenig Sicherheit bekannt ist und uns in einem Hotel einquartieren würden. Das ist für uns kein Option. Vielleicht können wir dort ja unbemerkt ankern, besser noch wir segeln in einem Ritt dran vorbei. 

Dann erreichen wir auch schon Bequia. Will man sich jedoch für die Grenadinen einklarieren, ist das derzeit nur auf St. Vincent möglich. Die kleineren Inseln bieten das nach Internetrecherche nicht an. Deshalb werden wir die Grenadinen ohne Einklarierung ansteuern. Solange wir auf dem Boot bleiben, befinden wir uns offiziell in Deutschland. Schlimmstenfalls kann man uns weg schicken. Dann segeln wir bis Grenada weiter. Dort sind wir bereits registriert und man kann die 14tägige Quarantäne auf dem Boot verbringen. 

Schauen wir mal, was uns erwartet. Aufgrund von Corona ist das Reisen wieder mehr zum Abenteuer geworden, denn man weiß nie, was einem genau erwartet. Jeden Tag können sich die Bestimmungen oder die Umsetzung ändern. Jeder Ort legt die Verordnungen anders aus. Manchmal ist es vielleicht auch nur von der Person und ihrer Stimmung abhängig.

Wir sind bereit: neuer Furler, neues Dach, mehr Energie

Freitag, 29. Mai 2020

Erster genehmigter Ausflug

Nun dürfen wir wieder wandern, Sehenswürdigkeiten besuchen, das fremde Land erkunden, in dem wir festhängen. Einige Seglerfreunde mieten sich nun ein Auto und entdecken nach so vielen Wochen die Insel. Wir nehmen das Dingi. Unser erstes Ziel ist die „Sanctuaire Notre-Dame de la Salette“ von 1731. Hinter dem Kirchplatz und der Notre Dame von Sainte-Anne führt ein holperiger Fußweg in engen Serpentinen den Hang hinauf. Wo keine Stufen sind, schauen kleinere und größere Felsen aus der festgetretenen Erde heraus. Rechts und links begrenzen, weißgetünchte, kniehohe Mauern den Pfad. In jeder Kurve steht ein kleines kapellenförmiges Mahnmal mit einem der Bilder von Christis Leidensweg. Kreuzweg nennt man das. Chronologisch kann man ihn während des Aufstiegs verfolgen, um am Ende die Höhle zu erreichen, in der er gelagert und wieder auferstanden ist. Eine luftige Terrasse bietet uns einen perfekten Ort zum Ausruhen mit grandioser Aussicht auf unser Ankerfeld. 

Anschließend Streuseln wir noch durch den kleinen Urlauberort. Er ist deutlich stiller, als der größere Nachbar Le Marin. Die meisten Läden sind weiterhin geschlossen. Die Kirche, eine Apotheke, zwei Supermärkte und drei Souvenirgeschäfte sind geöffnet, die letzteren jedoch komplett ohne Kunden. Am 2. Juni, so munkelt man, soll alles wieder öffnen, auch die Restaurants. Wir werden das hier nicht mehr erleben, da heute unser letztes Paket auf Martinique gelandet ist. Am Sonntag wollen wir gen Süden aufbrechen. Da die Inseln auf dem Weg immer noch geschlossen sind, bleibt es spannend.

Aufstieg über einen holperigen Kreuzweg.

Ausblick in die Bucht

Karibische Fassadenkunst fasziniert mich immer wieder.

ein eindeutiges Statement an die Liebe
zu Farben, Frauen und das Leben



Donnerstag, 28. Mai 2020

Stille Stätte

Die Buchten von Sainte-Anne und Le Marin werden sichtbar von einer Landzunge getrennt. Sie bildet eine Meerenge und war ein idealer Platz für ein Fort. Heute befindet sich auf der mit Sandstränden umrahmten Halbinsel ein Ferienressort. Der Club Med hat wohl an die 1000 Zimmer und Apartments in den unterschiedlichsten Preislagen. Direkt vor dem Meer wurde ein Infinity-Pool installiert. So können die Urlauber im gereinigten, leblosen Wasser Schwimmen und sich im Meer fühlen.

Seit zwei Monaten ist es hier nun still. Ein riesiges, gepflegtes Areal auf dem sich trockene Blätter, Palmwedel und Kokosnüsse sammeln. Wo sich sonst die Urlauber tummeln, scheint nun gähnende Leere zu dominieren. Aber am Strand sehe ich etliche wunderschön gemusterte Krabben. In den Bäumen singen die Vögel und Kolibris umschwirren die Blütenkelche. Sie sind zu schnell für meine Fotografenkünste. Aber in meinem Gedächtnis bleiben die Bilder dieser schwarzen, gefiederten Zwerge mit dem langen, gebogenen Schnabel und wahlweise zitronengelben, glitzergrünen oder purpurroten Lätzchen. Auf einer Wiese tummelt sich ein ganzer Schwarm spatzengroßer Vögel, die ich erfolglos Versuche mit meiner Kamera zu digitalisieren. Unter einem langen Steg verstecken sich tausende Jungfische in Schwärmen. Würde man sie in einem Aquarium sehen, wünschte man sich ein zweites Becken, so dicht bewegt sich die Wolke durch das Wasser. Da hier niemand mehr herum planscht, fühlen sie sich hier sehr sicher.

Vor den Eingängen der bunten, meist zweistöckigen Ferienhäuser drehen sich die trockenen Blätter spiralförmig im Wind. An den sonnenwarmen Fassaden sitzen Eidechsen in den unterschiedlichsten Farben und Größen. Ich wusste bisher nicht, dass sie auch tätowiert sind. Aber auf den grünen, gelben oder hellgrauen, schlanken Körpern finden sich geometrische oder bizarre schwarze Muster. Auf einem Kopf entdecke ich ein gleichschenkliges Dreieck auf einem Rücken grazile Schnörkelschrift. Auch sie huschen hinweg bevor ich den Auslöser drücken kann. Die leere Bühne, verlassenen Restaurantterrassen, gestapelten Sonnenliegen zeigen eine Welt im Dornröschenschlaf. Nur die Tiere und Pflanzen widerstehen dem bösen Zauber der Hexe. Oder ist es die Magie einer guten, scharfsinnigen Fee?

Dieser Bilderbuchort des Pauschaltourismus strahlt, so still, eine ganz eigene Atmosphäre aus, die mich emotional einfängt. Einerseits denke ich an die Betreiber, die nun so lange auf Einnahmen verzichten mussten. Ob sie es ohne Insolvenz überstehen? Was wird aus all den Angestellten? Werden sich hier je wieder Urlauber tummeln? Oder wird dieses so liebevoll gepflegte Ressort bald zur Ruine und mit jedem Jahr mehr verfallen? Andererseits gefällt es mir so, mit all den Tieren und trockenen Blättern inmitten dieser von Bäumen und Palmen beschatteten Stille. 

Ohne Menschen nimmt man
die Schönheit der Natur viel intensiver wahr.

Alte Dame im Abendlicht

leere Strände und kunstvolle Sitzmöglichkeiten

Da habe ich zumindest einen scharf erwischt.

alles verwaist

Ich finde es wunderschön.

Mittwoch, 27. Mai 2020

Endlich wieder vor Anker

Nun legen wir ab und kurz darauf noch einmal an, um zu tanken. Dann geht´s in die Ankerbucht von Sainte-Anne. Hier wollen wir uns nun eine Weile von all der Arbeit ausruhen. Zum vierten Mal fällt dort nun unser Anker. Wird es das letzte Mal sein? Das Klima ist in diesem Ankerfeld deutlich angenehmer als am Steg. Außerdem kann man baden gehen. Das nutzen wir heute auch gleich zwei Mal. Immerhin haben wir etwas nachzuholen. All die bunten Fische, unterschiedlichen Korallen und Pflanzen wieder zu sehen, ist so schön. Ich entdecke zum ersten Mal einen weißgefleckten Schlangenaal und beobachte ihn eine Weile. Dieses Exemplar ist etwa Finger dick und 40 cm lang. Da er nicht in einem Loch steckt und mit einem zähnenbewehrten, offenen Maul heraus guckt, konnte es keine Muräne sein. Dieser schöne, schlangenähnliche Fisch zeigt sich in ganzer Länge, schlängelt sich durch die Korallen und gründelt mit seinem weichen Maul in der Gegend herum. Wiki klärt mich dann später auf. Er sucht hauptsächlich nach kleinen Krebstieren.

Unser Ankerplatz liegt direkt neben dem Riff.

wunderschöner weißgefleckter Schlangenaal (Foto gegoogelt)


Dienstag, 26. Mai 2020

Unsere Lady mit schickem Hut

Passend zu Frankreich präsentiert sich die Lady nun, à la Haute Couture, modern und praktisch. Der von Stefan entwickelte und gebaute neue Hut steht ihr fantastisch. Zudem ist er praktisch. Der karibische Regen kann nicht mehr ins Cockpit tropfen. Er sammelt sich auf dem wasserdichten Dach, um dann durch kleine Abwasserlöcher und einem Schlauch, der wie ein Fallrohr funktioniert, auf´s Deck geleitet zu werden. Wahlweise können wir uns dann ganz einfach auch das Regenwasser abfüllen. Die Plexiglasscheiben ermöglichen nicht nur einen ungehinderten Rundblick. Wir können nun auch, vom Steuerstand aus, das Großsegel sehen, ohne uns zu verrenken. Eine feste, umlaufende Kante, setzt das Konzept der durchgehenden Griffe auf dem Schiff fort. Hier kann man sich außerhalb des Cockpits sehr gut festhalten. Nun ergänzen noch vier Solarpanele den modernen Hut. So sieht er nicht nur schick aus und ist ganz praktisch, sondern erzeugt auch ökologisch Strom. Was für ein High-Tech-Accessoire für unsere Vintage-Dame. 

Die Solarpanele kommen noch.

Kuchenbude und Sonnenschutz müssen noch angepasst werden.

Montag, 25. Mai 2020

Neue Segel aus der Türkei

Nun sind sie endlich da. Bereits auf Guadeloupe recherchierte Stefan die Segelmacher bezüglich eines neuen Segelsatzes. Er wurde in der Türkei fündig. Emrah ist auf Amelsegel spezialisiert und wird im Forum hoch gelobt. Etwa 60 Amelsegler haben bereits bei ihm die edlen Tücher bestellt und sind zufrieden. Auch in der Preisgestaltung kann kein anderer europäischer Segelmacher mithalten. Also werden die neuen Kleider der Lady in Izmir genäht, um danach per Luftfracht in die Karibik zu kommen. 

Die alten Segel sind inzwischen elf Jahre alt. Seit die Lady vom Stapel lief, treiben die sie an. Inzwischen haben sie Rüschen am Unterliek und sind ziemlich ausgelappert. Trotz dessen werden wir sie noch eine Weile benutzen. Deshalb verstauen wir die neuen Schätze in den Schots. Das ist gar nicht so einfach. Aber die Packprofis sind letztendlich erfolgreich. Nun warten wir auf das letzte Paket, das zur Zeit in Memphis herum steht. Freitag soll es ankommen. Wie immer darf man gespannt sein, ob das klappt.

Mit dem Dingi holen wir die guten Stücke. Ist einfacher!

Expertencheck fällt positiv aus.

Sonntag, 24. Mai 2020

10 Wochen Coronaalltag

Als am 16. März die Läden schlossen und wir nicht mehr ausklarieren konnten, ging alles ziemlich schnell. Plötzlich änderten sich die Regeln in unserem Leben, von einem Tag auf den anderen. Anfangs dachten wir, das geht ein paar Wochen. Nun leben wir seit 70 Tagen damit. Ich fühle mich an die Endzeitfilme erinnert. Etwas fürchterliches passiert, was die Welt lahm legt. Eine andere galaktische Lebensform, der Klimawandel oder ein Killervirus. Die Entscheidungsträger versuchen zu retten, was zu retten ist. Je nach Format sich selbst oder die Menschheit und ihre Welt. Alle anderen versuchen am Leben zu bleiben und entwickeln unterschiedliche Strategien.

Für mich ist im Rückblick nun interessant, dass ich solch eine Situation selbst erlebe. Nicht so dramatisch und spannend wie im Film. Mein Leben muss ja auch keiner gucken. Aber doch schaue ich zurück und beobachte uns. Erst haben wir das alles gar nicht so ernst genommen. Dann fügt man sich und versucht das Beste draus zu machen. Dieser Ausnahmezustand wird ja nicht lange dauern. Nach vier Wochen wurden wir nervös. Die Militärpräsens machte uns Angst. Mit Konditionierung blieben wir ruhig und nehmen bewusst Abstand von jeglichen Verschwörungstheorien. Zum Einen weil sie meist weit hergeholt sind und irgendeinem mehr oder weniger offensichtlichem Ziel dienen. Zum Anderen weil man diese Situation sonst nicht aushalten könnte. Die Angst würde ins Unermessliche steigen. Das wäre kein Leben mehr. Also passt man sich an. Während wir realisieren, dass das Ganze wohl doch ein wenig länger dauert, versuchen wir wieder selbst zu agieren. Schmieden Pläne, informieren uns konkreter, schreiben die Entscheidungsträger an und nutzen die Zeit für Reparaturen am Boot, die sowieso für später geplant waren. Wenn man die Zügel selbst in der Hand hat, fühlt man sich wohler, auch wenn sich objektiv nichts ändert. 

10 Wochen später haben wir uns an die gesamte Situation gewöhnt. Sie fühlt sich für uns normal an, obwohl sie nicht normal ist. Die meisten Länder schließen immer noch ihre Grenzen oder fordern 14tägige Quarantäne für Einreisende. Der Markt ist nicht komplett offen, denn das Kunsthandwerk und die Lebensmittel teilen sich die Woche in Tagen auf, damit ein größerer Abstand möglich ist. Immer noch steigt die Zahl der Infizierten stetig an. Und doch besuchen wir uns wieder gegenseitig, denken ans Weitersegeln, gehen Einkaufen, akzeptieren Quarantänebedingungen, informieren uns nicht mehr über Veränderungen. All das fühlt sich völlig normal an, obwohl es im Vergleich zu unserem vorigen Leben ganz und gar nicht normal zugeht. 


Samstag, 23. Mai 2020

Ist das normal? Bordleben von 5 - 23 Uhr

Wir stehen extra früh auf, um den zweiten Anstrich vor der Mittagshitze auf unser neues Cockpitdach zu bringen. Den ersten haben wir gestern kurz vor dem Dunkelwerden aufgetragen, da man am Tag nicht streichen kann. Deshalb müssen wir nun erst einmal nachschleifen und danach alles erneut reinigen. Dann reicht die Farbe nicht. Wir können das Streichen nicht abschließen. Stefan muss noch einmal zum Baumarkt und Farbe nachkaufen. Heute Abend werden wir dann hoffentlich den letzten Anstrich schaffen.

Ich schrubbe weiter an den schwarzen Flächen auf dem Deck, hole immer wieder Wasser mit dem Eimer vom Steg, weil der Wasserhahn für unseren Schlauch zu weit entfernt ist. 

Das Anbauen unserer Frontscheiben gestaltet sich auch deutlich schwieriger als gedacht. Der Architekt will sie natürlich durchgehend anbringen. Dafür hat er die Arbeitsschritte sehr lange und gründlich bedacht. Aber die Scheiben wollen nicht eindeutig passen. Man benötigt eigentlich acht Hände, um alles festzuhalten und deshalb kippen die Scheiben immer wieder um. Die Schienen können nicht angeschraubt werden, da die Schraubenköpfe immer wieder abbrechen. Planänderungen werden notwendig, aber Zeit zum Nachdenken bleibt dem Dachbauer nicht.

Unser Kühlschrank läuft nicht. Warum nicht? Das sagt uns keiner. Deshalb muss Stefan die Scheiben wieder fallen lassen und in den Motorraum. Vielleicht entdeckt er dort das Problem. Wenig später stellt sich heraus, dass die Kühlwasserpumpe kaputt ist. Mein Bastler und Käpt’n  reparierte sie bereits auf Porto Santo und nun hat sie wohl endgültig das Zeitliche gesegnet. Zum Glück gibt es Ersatz an Bord. So funktioniert zwei Stunden später wieder alles und unser Gemüse ist gerettet.

Mit den Scheiben geht es trotz dessen nicht weiter. Das Streichen muss vorbereitet werden. Wieder Schleifen, reinigen, Farbe anrühren und los gehts. Kurz vorm Dunkelwerden sind wir fertig und zum Glück bei Dagmar und Christoph auf der Flomaida eingeladen. Nur noch duschen und dann genießen wir , eigentlich total geschafft, den Abend in vollen Zügen. Dagmar hat alles so wunderschön vorbereitet und das leckere Essen macht alles wieder gut.


Alles so schön vorbereitet!
Manchmal ist das die schönste Zeit an Bord.



Freitag, 22. Mai 2020

Einkaufen mit Sanikoffer

Bereits im Februar habe ich mir vorgenommen: „Wenn ich das nächste Mal Kokossaft auf dem Markt kaufe, dann nehme ich Verbandszeug mit.“ Heute war es nun wieder so weit. Endlich ist der Markt wieder geöffnet. Ich packe zwei leere 1,5 Literflaschen, eine Tupperdose und den Kokosfleischschaber ein. An das Portmonee, die Maske und den Fahrradhelm denke ich auch noch. Das Verbandszeug vergesse ich.

Wieder stehe ich lange an und beobachte Gabriel, wie er mit seiner stählernen Machete eine Kokosnuss nach der anderen köpft, das Wasser in Flaschen abfüllt und sie dann halbiert. Ab und zu wirft er mir die zwei leeren Hälften zu. Dann kann ich das Fleisch ausschaben und in meiner Dose sammeln. Wenn wir das haben, brauche ich nicht zu kochen. Es schmeckt, ist gesund und macht satt. Also stört mich das Warten auch nicht, da ich in dieser Zeit die ganze Dose fülle. Andere Kunden haben weniger Geduld und meckern mit Gabriel. Wieder andere lenken ihn ab, weil sie etwas erzählen oder fragen. Ich denke nur immer wieder: „Lasst ihn in Ruhe, damit er sich konzentrieren kann.“ 

Mit Schwung holt Gabriel aus, schneidet mit seinem scharfen Messer eine Scheibe von der frischen Nuss, so dass ein Loch entsteht. Wenn er das Kokoswasser ausgegossen hat, wird die Frucht mit einem kräftigen Schlag halbiert. Ich darf gar nicht so genau hinschauen, weil ich mich so um die Hände des Verkäufers sorge. Deshalb bekomme ich auch nicht mit, warum er sich nun verletzt und wie es passiert. Jedenfalls bin ich froh, dass der Daumen noch dran ist. Ein langer, roter Schnitt zeigt das rohe Fleisch der Handinnenfläche. Ohne großes Gewese, spült sich Gabriel die Hand mit Wasser und schaut im Auto nach Verbandsmaterial. Er findet keins! Wie gern hätte ich nun etwas in der Tasche. Nach weiterem Spülen zieht sich der junge Mann einfach zwei Gummihandschuhe über und macht mit seiner Arbeit weiter, als wenn nichts gewesen wären.

Sieht nicht besonders lecker aus, ist es aber.

Donnerstag, 21. Mai 2020

Wie ich einen Transformer zerstöre

Nach fünf langen Wochen muss ich mal wieder waschen. Weil es hier am Steg nicht mehr so staubt, kann die Wäsche auch trocknen, ohne gleich wieder einzudrecken. Also schmeiße ich bereits abends die Waschmaschine an. Am nächsten Morgen ziehen dicke Wolken über uns hinweg. Alle halbe Stunde spült eine ordentliche Dusche die Welt um uns herum. Kein Problem, denn wir haben einen Trockner an Bord. Mit Landstrom gibt es ja auch keine Energieprobleme. Beide Maschinen arbeiten fleißig. Ich lege bereits die ersten Handtücher zusammen. Dann ist plötzlich Ruhe. Die können doch noch nicht fertig sein? 

Eine kurze Recherche ergibt, dass uns der Landstrom fehlt. Was ist das los? Die Sicherung am Steg ist herausgefallen. Die lässt sich leicht wieder anstellen. Weiterhin kein Strom. Stefan ist sauer, denn eigentlich schleift er gerade die Oberseite unseres Cockpitdachs und nun muss er den Fehler finden. Zwei Stunden später hat er sich durch Ordner und Bootsrumpf gewühlt. Ich versuche unsichtbar zu bleiben. Nun ist klar, der Transformer ist kaputt. Ich bin Schuld, weil beide Maschinen und der Heißwassermacher, den ich gestern schon angestellt habe, das System überlasteten. Nun ist der Käpt’n erst recht sauer. Er schleppt das 28 kg schwere Teil in die Werkstatt und erfährt, das man ein Relais austauschen muss. Dieses müsste man jedoch erst einmal bestellen. Ein neuer Transformer würde 1900 Euro kosten. Das ist kein Schreibfehler.

Andere Boote haben so ein Teil gar nicht und auch wir wussten bisher noch nicht, dass wir ihn an Bord haben. Er soll mehr Sicherheit bringen, Erdung und so. Stefan weiß das genauer, denn verzichten will er darauf nicht. Nun haben wir keinen Landstrom mehr. Ich muss den riesigen Wäscheberg mit der Hand waschen, den Werftdreck mit Kernseife und Bürste herausschrubben. Warum prahlt die Amel mit all den Haushaltsgeräten, wenn man sie nicht mal benutzen kann?

Blinder Passagier und Stromkiller

Eingeweide eines Transformers

Alles mit der Hand gewaschen und geschrubbt.

Mittwoch, 20. Mai 2020

putzen und schrubben

Das Deck unserer Amel ist weiß, wie bei so vielen anderen Booten. Gerade in der karibischen Sonne merkt man wie wichtig das ist. Es heizt sich weniger auf. Aber man sieht auch den ganzen Dreck von der Werft. Während fast täglich an irgendeinem Unterwasserschiff altes, schwarzes Antifouling herunter geschliffen wurde, verteilt er sich in der Luft und legt sich überall ab, natürlich auch auf unserem Deck. Ich will gar nicht darüber Nachdecken, wie meine Lunge gerade aussieht. In Verbindung mit Feuchtigkeit färbt der feine Staub das einstmals schöne, weiße Gelcoat ein. Es ist nun hellgrau und überall dort, wo wir Fußabdrücke hinterlassen haben, ist es schwarz. Da hilft nur Schuppen und für die ganz hartnäckigen Flecken benötigt man spezielle Reinigungsmittel. Wie ein Schiffsjunge krieche ich auf allen Vieren übers Deck und schrubbe Stück für Stück, mehr oder weniger erfolgreich den Dreck herunter. 
Ganz schön dreckig, unsere Lady!

schrubb, schrubb, schrubb



Dienstag, 19. Mai 2020

Das ganz alltägliche Werftchaos

Die Werft Carenantilles hat, wie die meisten, nur begrenzten Platz. Fast jeden Tag werden Boote aus dem Wasser geholt und auf der asphaltierten Fläche aufgestellt. Dazu ist nicht nur einer dieser großen, viereckigen Liftanlagen notwendig. Holzklötze und Böcke müssen bereitliegen, damit der Kiel nicht direkt auf dem Boden steht. Rechts und links stützen je nach Bootslänge zwei oder mehrere Metallstützen den Rumpf ab. So kann das Boot nicht umfallen. Dann bringt der Gabelstapler außerdem noch eine Treppe oder Leiter und Tische zum Arbeiten herbei. 

Wir stehen nun bereits vier Wochen hier und vor unserem Bug wurden später andere Boote aufgebockt. Diese müssen nun erst einmal mit allem Equipment umgestellt werden. Der in der Grundfläche quadratische Lift fädelt sich an all den Schiffen rechts und links vorbei. Das ist ein Schauspiel, welches man sich nicht entgehen lassen sollte. Das ist Maßarbeit und ich bewundere den Mann am Joystick, der den Kran bedient und entspannt neben her geht. Er hat in all der Zeit, die ich ihn beobachte, nicht ein anderes Boot touchiert.

So ist es auch kein Problem, dass der letzte Schliff am Rumpf der Lady noch beendet werden muss. Nur sind Manus Jungs nicht pünktlich da. Also kommen die beiden Chefs mit ihren Schleifmaschinen und legen selbst Hand an. Die beiden jungen Angestellten dallern eine halbe Stunde später an. So ist das, wenn man nicht arbeiten muss. Gut, dass wir keine Chefs mehr sind. Kein Wunder also, dass wir mit zwei Stunden Verspätung ins Wasser kommen. Jedenfalls ist die Werft gut organisiert. Trotz der Zeitverzögerung läuft alles wie am Schnürchen. Stefan bekommt einen Laufzettel und muss sich bei allen Gewerken eine Bestätigung holen, dass er bezahlt hat, die er dann dem Liftfahrer übergibt. Erst dann dürfen wir vom Hof.

eingebaut

unser Zugang ins erste Obergeschoss

Das ist der große Liftkran,
die Räder sind höher als meine Wenigkeit.

der letzte Schliff





Montag, 18. Mai 2020

Letzter Werfttag

Genau vor vier Wochen wurde unsere Lady aus dem Wasser gehoben. 28 Tage Staub, Hitze und Krach, kein Wasser und keine Toilette an Bord benutzen, Moskitos sobald die Sonne etwas nachgiebiger wird. Wahrscheinlich kann sich jeder vorstellen, wie wir uns auf das Wasser sehnen. Zwar geht es morgen erst einmal für zwei Tage an den Steg, denn der neue Furler wird noch eingebaut, aber dann schwimmen wir endlich wieder in klarem Wasser und lassen uns den Wind um die Nase wehen. 

Wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass wir diese Zwangspause für die Reparaturen nutzen konnten. Aber genug ist genug. Eine Werft sehen wir hoffentlich in den nächsten Jahren nur noch von Weitem. Wir staunen aber auch, wie entspannt die Jungs heute das ausgehärtete Coppercoat schleifen. Immer wieder ist Pause angesagt, einer schleift, die anderen schauen zu. Natürlich wird eine umfangreiche Mittagspause eingelegt und gegen 18 Uhr ist Feierabend. „Das schaffen wir morgen früh noch.“, meint Manu gelassen. Dabei weiß er genau, dass wir um 7 Uhr Lifttermin haben und 8:30 Uhr am Steg erwartet werden. Dass uns das in keinster Weise aufregt, zeigt wie entspannt auch wir inzwischen sein können.

Die Jungs von Manu, immer fröhlich und entspannt.

Sonntag, 17. Mai 2020

Da gibt’s was aufs Dach

Nun ist der Lack trocken und die beiden Platten, die zusammen mit ein paar Acrylscheiben unser neues Dach bilden, kommen auf das Cockpitgestänge. Zum Glück passt alles. Sie werden mit Edelstahlschellen fixiert. Damit die Schrauben halten, hat Stefan extra Hartholzinlets an den richtigen Stellen einfügen lassen. Nun müssen noch die Oberseite gestrichen, Plastikscheiben auf- bzw. eingeklebt und die Solarpanele aufgebaut werden. Das hört sich weniger an, als es ist. Aber diese Arbeiten können ganz in Ruhe auch auf dem Wasser, in einer ruhigen Ankerbucht erledigt werden. Das denken wir zumindest.

Da guckt der Eigner stolz!

In der Mitte ein Fenster, damit wir die Segel sehen können.

Samstag, 16. Mai 2020

Das AIDA-buch ist fertig!

Hurra! Nach knapp 10 Wochen Arbeitszeit habe ich meine Tagebuchaufzeichnungen in eine lesebare Reiseerzählung umgewandelt und mit Stefans Hilfe möglichst viele Fehler gefunden, Sätze umformuliert, um Wortwiederholungen auszumerzen und mit ihm über die Kommasetzung diskutiert. Je mehr man darüber nachdenkt, desto unsicherer wird man. So wie es jetzt ist wird es bleiben. Wer die Kommas anders setzen würde, kann das gern tun und wenn ihr Fehler findet, dürft ihr sie behalten.

Ohne die Coronazwangspause wäre ich wahrscheinlich noch lange nicht so weit. Es ist gar nicht so einfach, sich nach mehr als einem Jahr genau zu erinnern und alles einigermaßen nachvollziehbar in farbigen Bildern zu beschreiben. Das Schreiben bereitet mir so viel mehr Freude, wenn es gerade erst passiert ist. Dann spüre ich den Flow, vergesse die Zeit und freue mich viel häufiger an besonders gelungenen Formulierungen. Das AIDA-Buch ist trotz dessen gut geworden, denke ich. 64 000 Wörter sind es. Das Cover und die Karten hat Stefan designt. Ich hoffe, es gefällt euch und wünsche viel Spaß beim Lesen.


Rück- und Vorderseite des Covers, made by Stefan

Freitag, 15. Mai 2020

Die spinnen, die Römer!

Wie es Asterix und Obelix mit den uniformierten Italienern ging, so empfinden wir es immer wieder mit den Franzosen. Wer denkt sie seinen wie die Deutschen oder ein anderes europäisches Volk, der liegt auf dem Holzweg. Egal, ob du sie in Brest, La Rochelle, Toulouse, auf Porto Santo oder in der Karibik triffst, es ist nicht so einfach.

In bin nun wirklich ein Verfechter für Europa. Wenn es nach mir ginge, bräuchte es überhaupt keine Länder geben, nur unterschiedliche Kulturen in einer großen Erdgemeinschaft. Und jede Kultur hat ihre Geschichte, ihre Traditionen und ihre Besonderheiten. Die Kunst ist, das zu verstehen und zu tolerieren. Damit jeden Tag erneut gelassen umzugehen.

Warum brauche ich inzwischen mal eine Pause von den Franzosen?
  1. Egal, wo man auf sie trifft, im eigenem Land oder auf Tour, sie sind verschlossen. Über ein gemurmeltes Bonjour oder Bonsoir geht es selten. Oft wird der Gruß nicht einmal erwidert. Auf Porto Santo hatten wir eine Familie an Bord und die haben es doch tatsächlich über sieben Wochen geschafft, mein immer wieder geflötetes, geträllertes oder gerufenes Bonjour zu ignorieren. 
  2. Sie bleiben gern unter sich, feiern üppig und treffen sich gern. Sind wir allein unter Franzosen, wie zum Beispiel im Norden von Guadeloupe, dann sehen wir zu. Dies stört uns normalerweise nicht. Aber wenn man nicht weiter darf und vier Wochen zuschaut, dann fühlt man sich ausgegrenzt. Einige Annäherungsversuche scheiterten. Freundlich distanziert werden wir abgewiesen. 
  3. Franzosen sind sehr stolz, besonders auf ihre Sprache. Diese hat so viele feinsinnige Unterschiede, die es zu beherrschen gilt. Obwohl gerade die Segler mehr oder weniger gut Englisch sprechen und verstehen, verweigern sich die meisten dieser profanen, simplen Sprache, diesem harten Sound. Man munkelt, sie trauen sich nicht, weil es nicht perfekt beherrscht wird. Ich glaube jedoch, sie mögen ihre melodiöse Sprache so sehr, dass es als einzige wahres Kommunikationsmittel zählt. Alles andere ist zu gewöhnlich und unter ihrer Würde.
  4. Ich habe angefangen die Sprache zu lernen, weil viele Franzosen das Englische nicht mögen und deutsch erst recht nicht können. Meine Neugier und soziale Ader treiben mich dazu. Die Sprache ist schwer und ich muss so viele Vokabeln immer wieder lernen, weil sie mir irgendwie abhanden kommen. Inzwischen kann ich so einige Sätze sprechen, langsam zwar, aber einigermaßen richtig. Natürlich brauche ich Praxis, aber die Franzosen gucken mich ständig so verständnislos an, dass ich nach mehreren Wiederholungen aufgebe. Selbst so ein einfacher Satz wie: „Vous avez quelque chose sans gluten.“ verstehen sie nicht. Können sie nicht mal wenigsten ein bisschen kreativ sein. In Frankreich gibt es doch auch Dialekte. Warum kann man dann nicht auch einmal etwas ähnlich Klingendes verstehen?
  5. Franzosen sind egoistisch. Das hört sich hart an und bisher dachte ich, es wäre eine besondere Eigenschaft der Deutschen. Franzosen sind besser. Sie machen ihr Ding, gucken nicht nach links und rechts, fragen nicht, sie befehlen, natürlich mit s´il vous plaît. Spring man nicht gleich nach ihrer Nase, gucken sie ganz verhuscht und verstehen vor Überraschung die Welt nicht mehr. 
  6. Eine Boulongerie ist eine Bäckerei, die jedoch selten einer deutschen gleicht. Hier gibt es die unterschiedlichsten Köstlichkeiten vom allseits bekannten Baguette bis zu den leckersten Törtchen und die Auswahl ist riesig. Wir haben es inzwischen aufgegeben nach glutenfreien Angeboten zu fragen und meiden diese Läden, um unnötige Frustration zu vermeiden. Da gibt es diese berühmten französischen Bäckereien an jeder Ecke, aber von glutenfrei haben sie entweder noch nie etwas gehört oder man ignoriert es einfach. Sicher brauche ich nicht zu erzählen, dass es in der Pizzabude keine glutenfreien Pizzen gibt und im Restaurant weder glutenfreies Brot noch glutenfreie Pasta angeboten wird. Einzig die Galettes, Crêpes aus Buchweizen, werden ohne diesen bösen Weizen gebacken. 
  7. Die Franzosen sind dafür bekannt, sich nicht an vorgegebene Regeln zu halten. Sie möglichst zu ignorieren ist selbstverständlich und gehört meist zum guten Ton. Ich weiß nicht genau, ob Regeln sie in ihrer Freiheit einschränken oder es andere Ursachen für dieses Phänomen gibt. Deshalb werden von Staatsseite besonders harte Regeln aufgestellt und diese mit Waffenpräsens durchgedrückt. Anfangs war ich über den militarisierten Umgang mit Corona sehr erschrocken und verunsichert. Heute denke ich, dass dieses Paradoxon aufgrund der immer noch sehr traditionellen Schulbildung besteht. So müssen französischen Kinder zu zweit auf dem Schulhof antreten, um als Klasse das Schulhaus betreten zu dürfen. In der Ecke stehen ist immer noch gängige Strafe. Alles und jedes wird genau kontrolliert. Der Lehrer droht mit den Eltern, Strafen und schlechten Noten. Kein Wunder, dass man dann jede Lücke sucht, sich dem erwarteten Muster zu entziehen. Selbstverantwortung und eigenständiges Handeln wird so wenig geschult. Deshalb sieht man dann auch die Franzosen mit der Maske um den Hals einkaufen, bei Ausgangssperre in großen Gruppen feiern. Sie öffnen ihre Läden obwohl es nicht erlaubt ist und die Handwerksbetriebe arbeiten, was uns letztendlich ja zugute kommt.
  8. Unangenehm sind dann all die, welche einen Posten haben, die Ermahnungen und Zurechtweisungen der Mitbürger ermöglichen. Der Einlasser im Supermarkt zum Beispiel oder die Kassiererin. Nun haben sie endlich einmal die Macht andere herumzukommandieren. Diese wird mit Freude und Konsequenz ausgekostet. Ob du nun nicht genau am roten Streifen stehst, oder einen kleinen Augenblick zu früh ans Laufband trittst, sofort kommt der erhobene Zeigefinger. Wehe wehe, wenn du nicht sofort spurst.
  9. Franzosen mögen keine Deutschen und wenn möglich hält man sich fern von ihnen.  Sicher passen auch in diese Schublade nicht alle hinein, aber wir spüren diese Antipathie. Vielleicht stammt sie aus den vielen kriegerischen Auseinandersetzungen unserer beiden Völker und ist inzwischen im Erbgut verankert. Ich weiß nur, dass der 2. Weltkrieg dankenswerterweise schon lange her ist und diese Gräueltaten das Miteinander in heutiger Zeit nicht mehr vergiften sollten.

Vielleicht brauchen wir ja wirklich nur eine Pause vom französischen Volk. Vielleicht verzerrt die Zwangsfestsetzung auf zwei französischen Inseln in dieser besonderen Situation meine Wahrnehmung. Wir versuchen uns so gut es geht anzupassen, dankbar zu sein, immer freundlich zu bleiben und das Positive zu fokussieren. Wer weiß wie es auf anderen Inseln zugeht? Immerhin sind wir als Europäer hier fast zu Hause. 

Auf der Maât treffen wir ein fröhliches, offenes, Englisch sprechendes, älteres Pärchen und werden sogar aufs Schiff eingeladen. Mein Reissalat wird hoch gelobt und wir bekommen Wein, der bei den Franzosen nicht unter der Rubrik alkoholische Getränke läuft. Wir treffen auf einen Katamaran mit französischer Flagge und werden überraschender Weise gleich fröhlich begrüßt. Später stellt sich dann jedoch heraus, dass es Belgier sind, die auf diesem Schiff wohnen.

ohne Worte