Sonntag, 27. Dezember 2020

Weihnachten in der Karibik

Das Fest der Familie in der Ferne zu feiern, ist für uns nicht neu. Es gab Jahre, in denen waren die beiden Wochen über den Jahreswechsel die einzige Möglichkeit Urlaub zu machen. Nun sind wir jedoch bereits so lange unterwegs. Die meisten unserer Lieben haben wir vor 18 Monaten das letzte Mal gesehen. Sie fehlen und die Weihnachtstage verdeutlichen es um so mehr. Insbesondere in diesem Jahr mit dem Wissen, dass die Beschränkungen, aufgrund des immer noch allgegenwärtigen Virus, meiner Mutti die erste einsame Weihnacht ihres Leben verursachen. Sie schlägt sich tapfer, aber schön ist das nicht. Immerhin ermöglichen das Internet und gut funktionierende Programme meistens eine unkomplizierte Kommunikation. Diese Anrufe sind jedoch nur ein unzureichender Ersatz. Wir sind unterwegs, dürfen die Welt sehen und auch Covid-19 konnte uns noch nicht wirklich aufhalten. Diese Reise ist ein großes Glück und man kann eben nicht alles haben. So müssen wir auf unsere Familie und Freunde vorerst verzichten.

Auch wenn derzeit nur wenige Segler unterwegs sind, so sind wir nicht allein. Unsere Tandemfahrt mit der Tomskii beschert uns ein Weihnachtsfest mit neu gewonnenen Freunden. Es gibt zwar keinen grünen Tannenbaum, aber karibische Weihnachtsdeko, Plätzchen, gemeinsame Essen, Weihnachtsmusik, kleine Geschenke und ein Spieleabend lassen die Tage besonders werden. Selbst Santa Claus kam auf einem Elektrofoilboard vorbei. Statt mit dem Snowboard durch den Pulverschnee zu surfen, genießen wir die Inselwelt der Bahamas mit Strandspaziergängen, Schwimmen und Kiten. In der Lagune wohnen Delfine. Sie kommen uns auf ihrer täglichen Runde regelmäßig besuchen und kreisen lange um die Boote während ihrer geruhsamen Futtersuche. So steige ich mit ins Wasser, treibe mit Schnorchel und Taucherbrille an der Wasseroberfläche und kann diese friedlichen Tiere unter mir beobachten.

Weihnachtsessen mit Yelena und Marcel auf der Tomskii Kastan

Charly mit Geschenken, Plätzchen und Weihnachtsbäumen aus Schneckenhäusern

Romantik zu zweit kommt nicht zu kurz.

Obwohl Weihnachten ein paar Touristen angekommen sind, sind wir fast allein am Strand.

Auch in der Karibik ist Santa Claus warm angezogen.

Direkt vor der Haustür eine wundervolle Bucht zum Kiten

Mein schönstes Weihnachtsgeschenk

Mittwoch, 23. Dezember 2020

Willkommen auf den Bahamas

25 Stunden benötigen wir für die 169 Seemeilen von Luperón in der Dominikanischen Republik bis zur südlichsten Insel „Great Inagua“. Gemeinsam mit dem Postboot erreichen wir „Matthew Town“ am Nachmittag des 11. Dezember´s, was sich als etwas ungünstig herausstellt. Die Ankunft der Lieferungen, wahrscheinlich sind all die Weihnachtsgeschenke dabei, verursacht im Hafen große freudige Aufregung. Dementsprechend voll und laut ist es dann auch. Stefan benötigt vier Stunden, um uns in diesem Trubel einzuklarieren: alle Zettel auszufüllen, die bereits online im Voraus abgeschickt wurden, Pässe und Einklarierungspapiere wieder zu bekommen, eine Telefonkarte zu besorgen. Die Anzahl der auszufüllenden Formulare hat sich aufgrund der Gesundheitsüberprüfungen verdoppelt. Aber die Beamten sind freundlich, freuen sich über unser Ankunft und heißen uns warmherzig willkommen. Keine Anzeichen von Korruption oder anderweitigen Machtmissbrauch! Eher erkundigt man sich bei uns mehrfach, ob alles in Ordnung ist, wir noch etwas bräuchten und wünscht uns eine wunderbare Zeit in diesem Inselparadies. Drei Monate dürfen wir ohne weiteres Visum bleiben. Das sollte wohl reichen!

Wir entdecken den Ort, der an ein verstreutes Dorf erinnert und ein wenig Westernidylle versprüht. Die mit dem Giebel zur Straße ausgerichteten Häuser haben hölzerne Terrassen und Balkone, die beiden größeren sind der Supermarkt und das Rathaus. Eine Tankstelle mit einer überdachten Säule finden wir auch. Sie steht inmitten von brachliegendem Land. Das alte Fort aus Piratenzeiten wird als Betriebsgelände genutzt. Es bietet eine Menge Lagerkapazitäten. Zu jedem Grundstück gehört auch ein separates Haus, dass scheinbar zu zwei Dritteln in der Erde steckt. Das wird wohl so eine Art Schutzkeller sein, der im Falle eines heranziehenden Hurrikans aufgesucht werden kann. Warum dieses Dach nun aber besser halten soll, als das des eigentlichen Wohnhauses ist mir schleierhaft. 

Während wir auf der Hauptstraße entlang schlendern, werden wir von den Einheimischen außerordentlich freundlich begrüßt. Der Weg zum Leuchtturm ist lang und mehrfach fragt man uns, ob wir nicht im Auto mitkommen wollen. Das Allerbeste ist jedoch nach neun Corona-Monaten: der Leuchtturm ist geöffnet. Vorsichtig schauen wir in den staubigen und spinnenverwebten Hohlraum mit der typischen Wendeltreppe. Ein Gästebuch liegt auch dort, sieht jedoch eher wie ein mysteriöses, antikes Rezeptbuch eines längst verstorbenen Zauberers aus, so verstaubt und mürbe ist es bereits. Wir klettern hinauf, genießen auf der Galerie den atemberaubenden Blick auf die Insel, die riesige Lagune und hohe Salzberge am Horizont. Dann stehen wir sogar in der gläsernen Kabine ganz oben. Der Rundblick aus diesem runden Wintergarten ist fantastisch. Auf den Bahamas ist Landwirtschaft fast unmöglich. Es reicht wohl nicht einmal für den Eigenbedarf. Dafür freuen sich die Tiere über ausgedehnte naturbelassene Areale. Ein Paradies für Vögel, Schmetterlinge, Leguane und Reisende wie uns.

Nach einer schaukeligen Nacht wechseln wir die Bucht und später die Insel. Auf den Acklins bietet sich eine Strandwanderung an und nebenbei kann man Schnecken für die nächste Mahlzeit sammeln. Über Long Cay wechseln wir dann nach Long Island und tasten uns vorsichtig in die geschützte Buch von Little Harbor. Man hat fast das Gefühl allein zu sein. Erst auf dem Land entdecken wir, dass hier, inmitten all der Palmen und Mangroven, auch einige Menschen leben. Allein sind wir jedoch nicht. Seit Luprón segeln wir gemeinsam mit der Tomskii Kastan und deren Crew Marcel und Yelena. Das erste Mal haben wir uns auf so eine Tandemreise eingelassen. Das fröhliche, begeisterungsfähige und positive Pärchen in unserem Alter passt zu uns. Nur wenige Segelboote sind unterwegs und so genießen wir dieses selten gewordene Glück. Wir besprechen die Routen, checken die Ankerplätze und tauschen uns aus. Das fühlt sich insgesamt sicherer an. Abwechslungs- und ereignisreich ist es so auch. Gemeinsame Ausflüge, Lagerfeuer am Strand, leckere Mahlzeiten an Bord… Langeweile kommt nicht auf, wir lachen viel, hören und erzählen Geschichten.

Long Island ist wirklich lang. Trotz guter Winde benötigen wir zwei Tage um die Nordküste zu umrunden. Dann gehts am 23. Dezember Richtung Georg Town. Dort müssen wir unseren zweiten Coronatest machen. In der vorgelagerten Lagune wollen wir Weihnachten verbringen. Sie zieht sich zwischen Great Exuma und Stocking Island entlang, welche wie eine natürliche Mohle vor der langen Dünungswelle schützt. Die Eingangspassage ist schmal und das schäumende Weißwasser lässt unsere Lady erneut in einem Wellenrodeo springen. Der Capitano nutzt neben den üblichen Karten die Luftbilder von Google und das ist auch ganz gut so. Wir kommen heil in die ruhigeren Gewässer vor Georg Town.

Great Inagua, Leuchtturm: warmherziger Empfang und offene Türen

Acklins, China Hill: Den Wettlauf mit der Zeit verlieren wir zum ersten Mal und müssen im Dunkeln ankern.

Acklins, China Hill: Strandwanderung

Unterwasserwelt Bahamas: ein prächtiger Feuerfisch

Gemeinsames Baracudaessen, natürlich ist der Fisch frisch.

Long Island, Little Harbor: Beachparty zu viert und dann gesellen sich zwei Einwohner dazu, schenken uns Keilerzähne und probieren Yelenas Wein.

Wir feiern den frisch gefangenen Tuna mit einem Sushi-Abend

Donnerstag, 10. Dezember 2020

Komplizierter Landeswechsel

Weihnachten wollen wir in den Bahamas sein. Die vielen Inseln, einsame Buchten, Möglichkeiten zum Schnorcheln und Kiten locken uns. Die Dominikanische Republik auf der großen und bergigen Insel Hispaniola ist schön. Die Leute begegnen uns freundlich und aufgeschlossen, die Avocados sind mal wieder die besten der Welt. Wir sind von Seglern umgeben, mit denen wir gern mehr Zeit verbringen würden, aber die Moskitos stechen, ein Ölfilm bedeckt die braune Mangrovenbrühe unserer geschützten Bucht. Das nächste Wetterfenster für eine angenehme Überfahrt ohne Motorunterstützung zeigt sich. Damit ist es jedoch nicht getan.


Die Ausklarierung gestaltet ist umständlich. „Was, Sie wollen schon wieder los?“, werden wir gefragt. Man hat sich offensichtlich an die coronabedingten Langzeitaufenthalte der Segler gewöhnt und freut sich über die zusätzlichen Einnahmen. Nicht wenige liegen mit ihren Booten bereits mehr als ein Jahr zwischen den Mangroven von Luperon. Neben den vielen Zetteln und Stempeln, die wir in den unterschiedlichen Containern bekommen, müssen wir zum Hafenhäuptling. Er heißt Richard und kommt von Kopf bis Fuß in strahlendem Weiß daher. Seine Residenz steht auf einem kleinen Hügel und sie ist nur durch den Magrovenmatsch zu erreichen. Natürlich müssen wir auf eine Audienz warten, um dann zu erfahren, dass uns die selbsternannte Eminenz am Tag vor unserer Abreise auf dem Boot besuchen wird. Dort werden dann wieder Fotos gemacht und wir bekommen den so wichtigen Ausreisezettel.


Soweit so gut, all das kann man noch als normales Prozedere einordnen. Insbesondere, da der Häuptling keine zusätzlichen Spenden fordert. Man munkelt, er wurde aufgrund seines ausverschämten Verhaltens an Bord einiger Segelschiffe aus der Hauptstadt gerügt und ist deshalb nun etwas vorsichtiger mit seinen Forderungen. Aber da ist außerdem noch unser inzwischen guter alter Freud Covid. Die Bahamas legen keinen Wert auf ihn und machen die Einreise schwer. Nur mit einem negativen PCR-Test und einem Online-Antrag ist sie möglich. Den geforderten Gesundheitsnachweis bekommt man hier in Luperón nicht. Marcel und Yelena von der Tomskii Kastan wollen ebenfalls in die Bahamas und so recherchieren wir gemeinsam. Marcel spricht und versteht gut Spanisch, was zusätzliche Telefonate ermöglicht. Er findet ein Labor auf der gegenüberliegenden Seite der Insel, welches wohl von den Nachbarinseln akzeptiert wird. Mit vorheriger Absprache mit den Behörden wird ein Termin vereinbart und das Taxi organisiert. Da der Test bei Einklarierung nicht älter als fünf Tage alt sein darf, muss er möglichst spät gemacht werden. Die Ergebnisse benötigen wir jedoch vor Abreise, weil mit diesen nach einer Online-Antragstellung die Einreise im Vorfeld genehmigt oder abgelehnt wird.  Vorher darf man nicht los. Also holt uns das Taxi morgens um vier ab, damit wir nach einer vierstündigen Fahrt über die Insel spätestens 8:30 Uhr den Test machen können und abends die Ergebnisse haben, den Antrag stellen können und tags drauf hoffentlich die Einreisegenehmigung haben. 


Wer sich das alles ausdenkt, kennt den Alltag der Segler nicht. Auf dem Boot sind wir vor Ansteckung ziemlich sicher. Die Gefahren, welche durch so eine zusätzlich Überlandreise hinzukommen, wurden wohl nicht bedacht, von den Kosten mal ganz abgesehen. Nicht nur der rasante dominikanische Verkehr, sondern auch unzählige zusätzliche Ansteckungsmöglichkeiten bringen den Segler zusätzlich in Gefahr. 


Die Tests werden nicht mehr im Labor gemacht, sondern vor der Tür im eigenen Auto. Wir haben ein Taxi als Untersuchungsraum anzubieten. Das wird akzeptiert. Eigentlich waren wir in Boca Chica verabredet. Kurz nachdem wir in Santo Domingo abgebogen sind, bekommen wir die Nachricht, dass der Test in der Hauptstadt statt finden muss. Sandy, unser Fahrer, wendet sofort sein Auto und wir quälen uns durch den Stau. Auch die Laborantin Mariella muss dort durch und lässt uns am vereinbarten Treffpunkt, auf dem Parkplatz einer Klinik, zwei Stunden warten. Dann geht alles ganz schnell. Die Nasenschleimhäute brennen zwar noch eine Weile, aber wir sind bald auf dem Rückweg. Mittagessen und Großeinkauf werden gleich mit erledigt. Abends kommen die Testergebnisse und Marcel macht sofort den Online-Antrag fertig. Die deprimierende Antwort kommt bereits zehn Minuten später: „Abgelehnt!“ Nun telefoniert er wieder mit den Behörden der Bahamas. „Dann ist es wohl nicht das richtige Labor.“, bekommt er zu hören. Uns frustriert das so sehr, dass wir die vielen Inseln im Norden schon abschreiben.


Stefan stellt die online-Anträge nun auch für uns. Egal, was die Tante am Telefon erzählt. Dabei stellt er fest, dass die Telefonnummern des Labors nicht übereinstimmen und die Postleitzahl nicht heraus zu bekommen ist. Eine Anfrage bei Mariella bringt keine Antwort. Also probiert mein lieber Mann die Möglichkeiten durch. Auch er fängt Absagen ein und versucht es dann mit anderen Daten erneut, weil er auf der "anderen Seite" einen Computer als Entscheider vermutet. Irgendwann haben wir den Test mit den richtigen Nummern und Angaben tatsächlich bestanden und dürfen einreisen. Was für ein Stress! Was für eine Aufregung! Was für eine Freude am Ende! 

Reisen ist nicht mehr selbstverständlich und für Segler muss nicht mehr nur das Wetter stimmen. 



Meeting auf der "Tomskii Kastan" mit Morgenkaffee

Marcels D-Day-Planung


Mit all meinen Namen kommen viele nicht klar. 


Gesundheitsvisum mit Einreisebestätigung



Mittwoch, 2. Dezember 2020

Kolumbus auf Hispaniola

Ob es auf dieser Insel eine indigene Bevölkerung gibt, kann ich nicht sagen. Auf uns wirkt Luperón wie Kleinafrika in der Karibik. In den Hauptstraßen finden wir zwar Steinhäuser, aber am Rande stehen ärmliche Holzhütten im Matsch, die schon lange keinen neuen Farbanstrich bekommen haben. Wenn man hier durch den Ort geht, fällt man auf, nicht nur wegen der hellen Haut. Die Einwohner grüßen uns freundlich und freuen sich offenbar über die neuen Gesichter. Der Ort ist jedoch so klein, dass man uns schnell kennt. Frisches Gemüse und Milch bekommen wir hier. Für einen größeren Einkauf müsste man ein Taxi nehmen oder ein Auto mieten und nach Puerto Plata fahren. 

In der ersten Woche beende ich mit Stefans Hilfe das Mexikobuch. Seit dem 23.11.2020 ist es öffentlich. Dann feiern wir meinen 51. Geburtstag mit unseren Nachbarn. Die Seglergemeinschaft nimmt uns warmherzig und selbstverständlich auf. Schnell werden wir heimisch. Die Frauen treffen sich drei Mal in der Woche zum Yoga in einer alten Ruine. Sie liegt auf dem Berg oberhalb der Marina und bietet eine grandiose Aussicht auf das Ankerfeld. Ich genieße das gemeinsame Stretching und muss mir eingestehen, dass ich die schwierigeren Übungen allein gern weglasse oder abkürze. 


Dann packen wir unsere Rucksäcke und nehmen den Bus ins Landesinnere. Grüne Berge am Horizont, einfache Hütten am Straßenrand und dazwischen Felder und Weiden. Hier hält man sich Kühe, Schafe, Pferde und Ziegen. Fruchtbarer Boden und viel Wasser ermöglichen ertragreiche Landwirtschaft. Eine schöne Insel! In den Bergen ist es zwar kälter, auch in der Karibik beginnt nun der Winter, aber den Leuten geht es besser. Sie sind weniger vom Tourismus abhängig, denn auch die Einheimischen müssen essen. In den Hotels sind wir fast die einzigen. Die Museen sind geschlossen. So genießen wir die Natur und den wohl höchsten Wasserfall der Karibik, während uns beispielsweise in Santo Domingo die Türen des „Faró a Colon“ und das Bernsteinmuseum verschlossen bleiben. Immerhin öffnen ein paar Restaurants und die Stadtparks. In der Hauptstadt bezahlen wir für ein Abendessen so viel wie in Deutschland. In der Dominikanischen Republik herrscht ab 21 Uhr Ausgangssperre. Nach fünf Tagen sind wir bereits zurück. Entgegen aller Warnungen im Internet zur Sicherheit auf der Insel, geht es unserer Lady gut. Unsere Nachbarn haben offenbar gut auf sie aufgepasst. Ganz lieben Dank!


Bastelstunde

Frauen unter sich

Ruhiger Ankerplatz mit Ausflugsmöglichkeiten

Luzifer zu Besuch auf der Lady



Santiago

Bushaltestelle in Jarabacoa

Unser Bus nach Constanza

Salto de Aguas Blancas

Santo Domingo