Wie es Asterix und Obelix mit den uniformierten Italienern ging, so empfinden wir es immer wieder mit den Franzosen. Wer denkt sie seinen wie die Deutschen oder ein anderes europäisches Volk, der liegt auf dem Holzweg. Egal, ob du sie in Brest, La Rochelle, Toulouse, auf Porto Santo oder in der Karibik triffst, es ist nicht so einfach.
In bin nun wirklich ein Verfechter für Europa. Wenn es nach mir ginge, bräuchte es überhaupt keine Länder geben, nur unterschiedliche Kulturen in einer großen Erdgemeinschaft. Und jede Kultur hat ihre Geschichte, ihre Traditionen und ihre Besonderheiten. Die Kunst ist, das zu verstehen und zu tolerieren. Damit jeden Tag erneut gelassen umzugehen.
Warum brauche ich inzwischen mal eine Pause von den Franzosen?
- Egal, wo man auf sie trifft, im eigenem Land oder auf Tour, sie sind verschlossen. Über ein gemurmeltes Bonjour oder Bonsoir geht es selten. Oft wird der Gruß nicht einmal erwidert. Auf Porto Santo hatten wir eine Familie an Bord und die haben es doch tatsächlich über sieben Wochen geschafft, mein immer wieder geflötetes, geträllertes oder gerufenes Bonjour zu ignorieren.
- Sie bleiben gern unter sich, feiern üppig und treffen sich gern. Sind wir allein unter Franzosen, wie zum Beispiel im Norden von Guadeloupe, dann sehen wir zu. Dies stört uns normalerweise nicht. Aber wenn man nicht weiter darf und vier Wochen zuschaut, dann fühlt man sich ausgegrenzt. Einige Annäherungsversuche scheiterten. Freundlich distanziert werden wir abgewiesen.
- Franzosen sind sehr stolz, besonders auf ihre Sprache. Diese hat so viele feinsinnige Unterschiede, die es zu beherrschen gilt. Obwohl gerade die Segler mehr oder weniger gut Englisch sprechen und verstehen, verweigern sich die meisten dieser profanen, simplen Sprache, diesem harten Sound. Man munkelt, sie trauen sich nicht, weil es nicht perfekt beherrscht wird. Ich glaube jedoch, sie mögen ihre melodiöse Sprache so sehr, dass es als einzige wahres Kommunikationsmittel zählt. Alles andere ist zu gewöhnlich und unter ihrer Würde.
- Ich habe angefangen die Sprache zu lernen, weil viele Franzosen das Englische nicht mögen und deutsch erst recht nicht können. Meine Neugier und soziale Ader treiben mich dazu. Die Sprache ist schwer und ich muss so viele Vokabeln immer wieder lernen, weil sie mir irgendwie abhanden kommen. Inzwischen kann ich so einige Sätze sprechen, langsam zwar, aber einigermaßen richtig. Natürlich brauche ich Praxis, aber die Franzosen gucken mich ständig so verständnislos an, dass ich nach mehreren Wiederholungen aufgebe. Selbst so ein einfacher Satz wie: „Vous avez quelque chose sans gluten.“ verstehen sie nicht. Können sie nicht mal wenigsten ein bisschen kreativ sein. In Frankreich gibt es doch auch Dialekte. Warum kann man dann nicht auch einmal etwas ähnlich Klingendes verstehen?
- Franzosen sind egoistisch. Das hört sich hart an und bisher dachte ich, es wäre eine besondere Eigenschaft der Deutschen. Franzosen sind besser. Sie machen ihr Ding, gucken nicht nach links und rechts, fragen nicht, sie befehlen, natürlich mit s´il vous plaît. Spring man nicht gleich nach ihrer Nase, gucken sie ganz verhuscht und verstehen vor Überraschung die Welt nicht mehr.
- Eine Boulongerie ist eine Bäckerei, die jedoch selten einer deutschen gleicht. Hier gibt es die unterschiedlichsten Köstlichkeiten vom allseits bekannten Baguette bis zu den leckersten Törtchen und die Auswahl ist riesig. Wir haben es inzwischen aufgegeben nach glutenfreien Angeboten zu fragen und meiden diese Läden, um unnötige Frustration zu vermeiden. Da gibt es diese berühmten französischen Bäckereien an jeder Ecke, aber von glutenfrei haben sie entweder noch nie etwas gehört oder man ignoriert es einfach. Sicher brauche ich nicht zu erzählen, dass es in der Pizzabude keine glutenfreien Pizzen gibt und im Restaurant weder glutenfreies Brot noch glutenfreie Pasta angeboten wird. Einzig die Galettes, Crêpes aus Buchweizen, werden ohne diesen bösen Weizen gebacken.
- Die Franzosen sind dafür bekannt, sich nicht an vorgegebene Regeln zu halten. Sie möglichst zu ignorieren ist selbstverständlich und gehört meist zum guten Ton. Ich weiß nicht genau, ob Regeln sie in ihrer Freiheit einschränken oder es andere Ursachen für dieses Phänomen gibt. Deshalb werden von Staatsseite besonders harte Regeln aufgestellt und diese mit Waffenpräsens durchgedrückt. Anfangs war ich über den militarisierten Umgang mit Corona sehr erschrocken und verunsichert. Heute denke ich, dass dieses Paradoxon aufgrund der immer noch sehr traditionellen Schulbildung besteht. So müssen französischen Kinder zu zweit auf dem Schulhof antreten, um als Klasse das Schulhaus betreten zu dürfen. In der Ecke stehen ist immer noch gängige Strafe. Alles und jedes wird genau kontrolliert. Der Lehrer droht mit den Eltern, Strafen und schlechten Noten. Kein Wunder, dass man dann jede Lücke sucht, sich dem erwarteten Muster zu entziehen. Selbstverantwortung und eigenständiges Handeln wird so wenig geschult. Deshalb sieht man dann auch die Franzosen mit der Maske um den Hals einkaufen, bei Ausgangssperre in großen Gruppen feiern. Sie öffnen ihre Läden obwohl es nicht erlaubt ist und die Handwerksbetriebe arbeiten, was uns letztendlich ja zugute kommt.
- Unangenehm sind dann all die, welche einen Posten haben, die Ermahnungen und Zurechtweisungen der Mitbürger ermöglichen. Der Einlasser im Supermarkt zum Beispiel oder die Kassiererin. Nun haben sie endlich einmal die Macht andere herumzukommandieren. Diese wird mit Freude und Konsequenz ausgekostet. Ob du nun nicht genau am roten Streifen stehst, oder einen kleinen Augenblick zu früh ans Laufband trittst, sofort kommt der erhobene Zeigefinger. Wehe wehe, wenn du nicht sofort spurst.
- Franzosen mögen keine Deutschen und wenn möglich hält man sich fern von ihnen. Sicher passen auch in diese Schublade nicht alle hinein, aber wir spüren diese Antipathie. Vielleicht stammt sie aus den vielen kriegerischen Auseinandersetzungen unserer beiden Völker und ist inzwischen im Erbgut verankert. Ich weiß nur, dass der 2. Weltkrieg dankenswerterweise schon lange her ist und diese Gräueltaten das Miteinander in heutiger Zeit nicht mehr vergiften sollten.
Vielleicht brauchen wir ja wirklich nur eine Pause vom französischen Volk. Vielleicht verzerrt die Zwangsfestsetzung auf zwei französischen Inseln in dieser besonderen Situation meine Wahrnehmung. Wir versuchen uns so gut es geht anzupassen, dankbar zu sein, immer freundlich zu bleiben und das Positive zu fokussieren. Wer weiß wie es auf anderen Inseln zugeht? Immerhin sind wir als Europäer hier fast zu Hause.
Auf der Maât treffen wir ein fröhliches, offenes, Englisch sprechendes, älteres Pärchen und werden sogar aufs Schiff eingeladen. Mein Reissalat wird hoch gelobt und wir bekommen Wein, der bei den Franzosen nicht unter der Rubrik alkoholische Getränke läuft. Wir treffen auf einen Katamaran mit französischer Flagge und werden überraschender Weise gleich fröhlich begrüßt. Später stellt sich dann jedoch heraus, dass es Belgier sind, die auf diesem Schiff wohnen.
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