Mittwoch, 18. November 2020

Hinter Hurrikan „Iota“ entlang

Nun ist es wieder so weit. Die Hurrikansaison endet am 15. November, zumindest für unsere Versicherung. Wir wollen natürlich auch keine direkte Bekanntschaft mit so einem wütendem Wirbelsturm schließen. Gerade ziehen die Vorläufer eines dieser gefürchteten Winde nördlich von Aruba entlang. Hinter ihm soll für ein paar Tage kaum Welle und Ostwind folgen. Eine günstige Gelegenheit, um den Ritt von Aruba in die Dominikanische Republik zu wagen. Dort kommen wir im Moment ohne PCR-Test und Quarantäne rein. Das überzeugt uns. Stefan beobachtet die Wettervorhersagen bereits seit einer Weile und ist sich immer sicherer. Am Freitag, den 13. November starten wir. Die Vorbereitungen sind abgeschlossen und die Kühlschränke voll. Am Donnerstag verlassen wir die Marina, segeln nach Süd, um auszuklarieren und wieder nach Norden an die Boca Catalina, dem letzten Ankerplatz vor dem Karibischen Meer.


Freitag starten wir um acht Uhr mit der Morgensonne nach Norden und nehmen beschwingt mit nur zwei Segeln Fahrt auf. Bald kommt die Sturmfock noch dazu und schon saust die Lady mit neun Knoten durch die Wellen. Der Wind kommt noch zu weit von vorn und und der Himmel ist bewölkt, aber das wird schon noch. Denken wir! 


Tatsächlich haben wir Wind und Wellen während der gesamten Überfahrt von vorn. Das Wetter hält sich nicht an die Vorhersage, macht was es will und auch die Wellen werden immer größer. Zwischen 20 und 30 Knoten kommt der Wettergott mächtig zu Sache und türmt die Wassermassen immer weiter auf. Höhe halten ist schwer, aber wir dürfen nicht abfallen, um ohne Kreuzschlag um Hispaniola herumzukommen. Einklarieren ist coronabedingt nur in Luperón an der Nordküste möglich. Die Lady stampft sich durch die Wellen. Oft kracht es im Gebälk, als würde sie zerbersten. Danach verschlingt eine Wasserflut Verdeck und Cockpit. Wir hatten noch nie so viel Meersalz in unserem offenem Wohnzimmer. Eine dicke Regenwolke folgt der nächsten und die bringen nicht nur Süßwasser zum Nachspülen, sondern auch ordentliche Böen mit sich. 


In der ersten Nacht steigt der neue Furler unserer Genua aus. Wir haben extra in das teure Teil investiert, damit das nicht mehr passiert. Um vor den nächsten Böen unser wichtigstes Segel zu retten, muss Stefan nach vorn, wo der Bug wie ein unschlüssiger Fahrstuhl auf und ab saust, jeweils mit einer ruckartigen Bremsung die Richtung wechselnd. Zum Glück hat er sich, aufgrund ähnlicher schlechter Erfahrungen mit dem alten Furler, bereits eine sündhaft teure Elektrowinschkurbel zugelegt. Die funktioniert gut, braucht aber auch unendlich viele Umdrehungen bis der große Lappen eingerollt ist. Das Ende vom Lied ist eine gesicherte Genua, aber nun bleibt uns nur noch die Sturmfock, denn bei dieser Berg- und Talfahrt ist an eine Reparatur im Vorschiff nicht zu denken. 


So kämpfen wir uns voran, einen zweiten Tag und eine zweite Nacht. Am dritten Vormittag kommt die Sonne durch und mittags dreht sich der Furler wieder. Die See wird ruhiger und auch die Genua steht wieder. Stefan reizt aus was geht und spielt den Trimm-Tim. Die Lady kann Höhe halten, auch wenn es knapp bleibt. Zeitweise muss der Motor mit ran. Kurz vor der großen Karibikinsel genießen wir tatsächlich die Segelfahrt für etwa drei Stunden. 14 Uhr ist Land in Sicht. 17 Uhr tauchen wir in einen Hexenkessel von See zwischen Puerto Rico und der Dominikanischen Republik ein. Wenn wir dachten, die ersten beiden Tagen waren schlimm und mehr können unser Schiff samt Besatzung nicht aushalten, dann war das eine Täuschung. Steile, drei bis vier Meter hohe Wellen bauen sich auf. Aber die Lady schafft auch das, bricht nicht entzwei, kommt mit Motorunterstützung und ohne Kreuzschlag gerade so an den Untiefen vorbei. Dann wird es Dunkel. Wir biegen Richtung West ab, um an der Nordküste entlang zu segeln, haben den Wind nun von schräg hinten und auch die See beruhigt sich deutlich. 


Ein paar Stunden später schläft der Wind ein. Erst segeln wir noch mit Motorunterstützung, dann müssen die Tücher aufgerollt werden. Den gesamten vierten Tag brummt es im Cockpit. Immerhin kann man sich wieder an Bord bewegten, ohne sich wie ein Klammeraffe von Griff zu Griff zu hangeln, sich besonders an den Hüften, Oberschenkeln und Armen blaue Flecken zu holen. Ich muss keine Stugeron mehr einwerfen und kann wenigsten zeitweise an der Korrektur des Mexikobuches arbeiten. Kochen und mit Genuss essen ist wieder möglich. Eine abwechselnd grüne und felsige Küste mit kleinen Stränden zieht an uns vorbei. Am vierten Tag fällt um 17 Uhr  der Anker in der Bucht von Sosua. Von hier aus ist es nur noch eine halbe Tagesreise bis Luperón. Neben den Furler, muss sich Stefan um die Lichtmaschine und eine Analoganzeige im Cockpit kümmern. Für eine viertägige Überfahrt ziemlich viel. Ich muss das ganze Salz aus Handtüchern, Kleidung und Kissen waschen. Außerdem ruhen wir uns aus, schicken euch diesen Post und korrigieren weiter das Mexikobuch. Nun wird es Zeit es fertig zu stellen. Wir genießen die Bucht, die Sonne, gehen baden und schnorcheln. Das Einklarieren kann warten.


Hurrikan „Iota“ wurde inzwischen benannt. Er treibt gerade in Mittelamerika sein Unwesen und verliert hoffentlich bald an Kraft. In diesem Jahr gab es außergewöhnlich viele klassifizierte Wirbelstürme. Die Namen nach dem lateinischen Alphabet reichen nicht mehr aus. Nun nutzt man bereits das neunte! Mal das griechische. Eine deutliche Folge des Klimawandels. Auch wenn unser Ritt über das Karibische Meer nichts mit Iota zu tun hat, Gegenwind und steile Wellen wählen wir ab. Das macht keinen Spaß!


534 sm, in 80 h, Nordostwind
34 h gesegelt 
36 h mit Motorunterstützung gesegelt 
10 h nur Motor (Nordküste DR)

Ankerbucht auf Aruba vor dem Start

Sosúa, Ankunft in der Dominikanischen Republik

Salz aus Tüchern und Kissen waschen

Furler-Reparatur im Vorschiff (hier, zur Abwechslung, jedoch Prüfung des Bowthrusters)

Reparatur Lichtmaschine, alle Schäden stammen von der extremen Bewegung an Bord: abgerissene Kabel, zerschlagene Stecker...


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