Die wievielte Überfahrt ist das nun? Ich müsste nachzählen. Inzwischen sind es etliche und jedes Mal rede ich mir ein: „Nun wird es besser. Dieses Mal werde ich sie genießen.“ Und wirklich es geht gut los. Der Wind schiebt von schräg hinten. Die Strömung hilft nicht unwesentlich. Die Lady schiebt uns stabil mit 9 Knoten durchs Wasser. Die Welle ist kaum zu merken. Wir können uns normal auf unserem Boot bewegen und genießen die rauschende Fahrt. Gleich in den ersten zwei Stunden ziehe ich drei Fische ans Deck, sodass die Angel nun erst einmal Pause macht. Die Thunfisch- und Barakudafilets finden im Kühlschrank und im Gefrierfach ihren neuen Platz. Den Sonnenuntergang genießen wir an Deck. Nachts geht es nicht mehr ganz so zügig voran, da das Leichtwindsegel sicherheitshalber eingeholt wird. Die kurzen starken Böen einer nächtlichen Regenwolke, unter Seglern Squall genannt, könnten es zerreißen. So schläft es sich ruhiger.
Am zweiten Tag wachsen die Wellen an. Die Segel beginnen zu schlagen. Jeder Wellenberg bremst die Fahrt. Nun bleibe ich lieber sitzen und schaue aufs Meer. Lesen ist nicht mehr möglich, sobald ich die Brille aufsetze, wird mir mulmig. Die Spanischlektionen vertreiben ein wenig die Langeweile. Delfine oder Wale wären schön, aber der ein oder andere Seevogel und die fliegenden Fische müssen fürs erste genügen. Immerhin kann ich mich um die Mahlzeiten kümmern und die notwendigsten Handlungen durchführen. Natürlich mit Festhalten. Die gegenseitigen ausgiebigen Kopfmassagen sind inzwischen festes Ritual auf diesen langweiligen Überfahrten.
Der dritte Sonnenaufgang begrüßt uns mit Kreuzwelle. Ein junger Maskentölpel hat die Nacht auf unseren Solarflächen verbracht, seine Umgebung ausgiebig vollgesch… und putzt sich nun ausgiebig. Immerhin etwas Abwechslung. Die Lady hüpft jedenfalls fröhlich hin und her, was selbst das Sitzen zur sportlichen Übung macht. Wenn ich mich dabei nicht so verkrampfen würde, könnte man es sogar als gesunde Bewegung verbuchen, die ein paar Speckschichten abbaut. In der Nacht wird es so schlimm, dass wir gar nicht schlafen. Selbst wenn ich meinen Körper so verkeile, das er nicht hin und her rutscht, Schwabern zumindest die Organe herum und das tut nach einigen Stunden auch weh. So etwas ist für die Bänder, an denen sie aufgehängt sind, zu ungewohnt.
Irgendwie überstehen wir die Nacht und den Vormittag des vierten Tages, dann kommt die Welle wieder nur aus einer Richtung und es wird ruhiger. Ich schaue auf die Wüste der Meeresoberfläche. Sie bewegt sich immer während und einschläfernd. Nebenbei ein paar Spanischlektionen, die aber nur an mir vorbei rauschen. Meine Gedanken drehen sich im Kreis vom Ärger über die Wellen, ihre Erfindung ist völlig unnötig und einen Nutzen kann ich auch nicht entdecken, bis zum Pazifik der ja auch irgendwann ansteht und noch etliche längere Überfahrten bereit hält. Warum fliege ich nicht einfach und erspare mir diese ganze Quälerei? Weil ich Stefan damit nicht allein lassen möchten. Manchmal ist es ganz gut zwei weitere Hände an Bord zu haben.
Nach der vierten Nacht erlebe ich den Sonnenaufgang hinter dichten Wolken. Es ist eher ein blasses Licht, das den Tag ankündigt. Dann tauchen Panamas Berge neben uns auf, ganz matt und weit weg. Egal, wir haben Land in Sicht. Mittags erreichen wir den Kanaleingang. Er ist umgeben von etlichen Containerschiffen, die wie die Enten nach und nach die Einfahrt nehmen. Wir müssen zwischen zwei hindurchflutschen. Starke Regenschauer mit den einhergehenden Böen erschweren das Manöver. Hinter der Mole ist mit einem Schlag alles ruhig. Nicht nur die Wellen sind ausgesperrt. Die grauen Wolken sind bereits weitergezogen, die Sonne lässt das klitschnasse Deck glitzern. Während wir Richtung Marina Motoren werden der Spinnakerbaum, alle Tampen und Schoten weggeräumt, die Fender und Festmacherleinen angebracht. Bei herrlichstem Sommerwetter und lautem Vogelkonzert fahren wir zwischen Mangroven in die Shelter Bay Marina ein. Die letzten 97 Stunden sind sofort vergessen und auch lang nicht mehr so schlimm. Nun sind wir da, an einem neuen, interessanten Ort, der uns freundlich empfängt.
Und ich genieße die wenigen Tage hier sehr. Ein Schwimmingpool lädt mich zwei Mal am Tag ein. Zwei Mal täglich begebe ich mich auf Safari in den angrenzenden Wald, sehe Brüllaffen und die kleineren Kapuzineräffchen, Tukane, Sittiche und viele bunte Singvögel, beobachte die Brillenbären und freue mich über die langen Schwänze, die sie wie Katzen steil in die Höhe strecken. Nebenbei bringen wir natürlich das Boot in Ordnung, erledigen die organisatorischen Dinge für Einreise und Panamakanal, kaufen ordentlich ein, planen die Fahrt ins San Blas Archipel und treffen bekannte und unbekannte Segler, tauschen Informationen und Pläne aus. Nach drei Tagen bin ich völlig erschöpft und doch wollen wir los, endlich die San Blas kennen lernen.
Das Tankmanöver wird schwierig und schmutzig und danach gehts wieder hart gegen die Welle und den Wind. Die Lady stampft sich durch die Wellen und produziert hohe Regenbogenfontänen. Wir müssen kreuzen, um von Colón zur Linton Bay zu kommen. Ein langer Schlag führt uns so weit aufs Meer hinaus, dass selbst die vielen Containerschiffe vor dem Kanaleingang hinterm Horizont verschwinden. Zurück zeigt sich die See dann etwas weicher, da die Dünung von der Seite unter dem Rumpf hindurch rollt. Weiter gehts hart am Wind, nun von links. Für beide Schläge benötigen wir sieben Stunden. Der zweite Tag wird angenehmer, ebenso hart am Wind aber mit weniger Welle. Eine Swisscat 48 fordert uns zum Rennen heraus und so wird es weniger langweilig. Was meint ihr, welches Boot war wohl letztendlich schneller?