Dienstag, 28. Februar 2023

Unendliche Weiten - Das erste Pazifikcrossing

Nun sind wir im Pazifik. Nach den Las Perlas im Golf von Panama geht es weiter nach Westen, genauer gesagt nach Südwesten. In 1000 Seemeilen würden wir die Galapagos-Inseln erreichen. Diese haben sich jedoch ein so aufwendiges und kostspieliges Prozedere für Einreise und Aufenthalt überlegt, dass die meisten Segler daran vorbei fahren. Wir haben uns die spektakuläre Tierwelt dieses Archipels bereits vorher angeschaut, ein Flugzeug von Ecuador genommen und uns auf einem lokalen Schiff herumfahren lassen. Deshalb liegen nun knapp 4000 Seemeilen zwischen Start und Ziel, die Marquesas. Es ist das wahrscheinlich längste Crossing, das uns auf dieser Weltumsegelung erwartet. Stefan will es in drei Wochen schaffen und hat sogar ein gutes Windfenster für das erste Stück gefunden. 4 bis 5 Tage Wind für schnelles Vorankommen, dann Flaute nahe Galapagos. Danach soll der Passat zuverlässig und kräftig genug wehen.

Film: https://youtu.be/6h4vaeBqM2s


Im Golf von Panama kommen wir noch gut voran, aber bereits am zweiten Tag stimmt die Vorhersage nicht mehr. Normalerweise sollte sie für bis zu 5 Tage richtige Angaben prophezeien. Nun gut. Der Motor muss ran. Der Wind wird schon bald wieder einsetzen, hoffen wir. Aber er wird schwächer und schwächer. Kann man zwei Knoten eigentlich noch als Wind bezeichnen? Ich glaube nicht. Dafür erleben wir den Pazifik ohne Welle. Das erste Mal sehen wir einen nur ganz leicht wabernden Ozean mit glatter Wasseroberfläche. Der Motor brummt und das Leben an Bord geht ganz normal weiter, fast wie im Ankerfeld. Ich kann lesen, schreiben, kochen… und jederzeit auf die Toilette gehen. Ist das schön! Für das Vorankommen hilft es jedoch nicht. Wann immer möglich kommen die Segel zum Einsatz. Bei 3,5 Knoten Wind sind wir ohne Motor fast genauso so schnell oder besser langsam unterwegs. Die Strecke ist einfach zu weit, um ihn die ganze Zeit laufen zu lassen. Bis zu den Galapagos geht es so, wir brauchen eine Woche, statt 4-5 Tage und danach wird es nicht besser. Die Calmzone am Äquator wird ihrem Namen gerecht. Flaute! Am Abend des 9. Tages taufen wir unsere Lady zur „Flotten Makrele“, die sie ja normalerweise auch ist. Neptun bekommt auch einen Kurzen. Vielleicht stimmt ihn das gnädig und er schickt uns etwas Wind, gern ohne Welle. Der kommt jedoch erst am Tag 12. Nun geht es bewegt und zügig weiter. Endlich machen wir Strecke. Am Tag 14 feiern wir Bergfest. Das geht so bis zum 17. Tag. Dann werden wir ordentlich durchgeschaukelt, weil der Winddruck in den Segeln fehlt, die Welle jedoch noch eine ganze Weile nachläuft. An Schlaf ist nicht zu denken. 4 Tage und Nächte folgen mit wenig Wind und viel Welle. Dann wird es ruhiger und der Ochse darf zum Einsatz kommen. 7 Tage und Nächste zieht er uns verlässlich Richtung Ziel. In der vorletzten Nacht erwischen uns jedoch so kräftige Böen, dass wir uns um den leichten Schirm sorgen. Vor der letzten Nacht wird er ausgetauscht. Er hat gute Arbeit geleistet, ist heil geblieben und darf nun zurück in sein Bett. Am Morgen des 26. Tages sehen wir mit dem ersten Morgenlicht die Silhouette von Hiva Oa vor uns aufragen. Wir sind da. Es war wirklich lange, aber mit der Bucht vor der Nase, lösen sich sofort all die vielen Stunden, Tage und Wochen im Kielwasser auf.


26 Tage und 4 Stunden benötigten wir letztendlich für 3895 Seemeilen, vom Südzipfel der Las Perlas bis nach Hiva Oa in den Marquesas, der östlichsten Inselgruppe Französisch Polynesiens. Das sind immerhin 7 213, 54 km! Die Fahrt war gar nicht so schlimm, es war nur eben nur so schrecklich lange. Dieser Post muss mit der Stenovariante auskommen. Ausführlicher könnt ihr das Crossing in meiner nächsten Reisegeschichte nachlesen. Was machen wir so auf dem Boot, wenn man nicht vor die Tür gehen kann? Wie überstehen wir die langweiligen Stunden auf See? Kann man überhaupt etwas erleben? Wer besucht uns und was ist mit den unerwarteten Gästen verbunden? All das dann im nächsten Buch. Einen Film wird es natürlich auch geben.


In Hiva Oa angekommen, müssen wir erst einmal einklarieren, Internet besorgen und einkaufen. Die Kühlschränke sind schon seit einiger Zeit leer und müssen dringend aufgefüllt werden. Dann, wenn die Lady wieder sauber ist, legen wir die Füße hoch. Denn obwohl man an Bord während einer Überfahrt nicht wirklich viel zu tun hat, steckt die Zeit doch in unseren Knochen.


Immer der untergehenden Sonne hinterher.

Der Ochse zieht bei Rückenwind.
Er mag die Wellen genauso wenig wie ich.

Besuch!

Noch mehr Besuch!

Diese armen Tintenfische
werden mit der Welle an Deck gespült.

Festessen zum Bergfest:
Curryhuhn mit frischem Gemüse und Maracujacreme

Der Balloner muss ran! 
Unser kleines Leichtwindsegel am Besanmast.

Die Kühlschränke sind fast leer. Nun ist Dosenkost angesagt.
Sie wird natürlich mit Sahne und Gewürzen verfeinert.

Wenig Mond bedeutet viele Sterne.

Land in Sicht! Hiva Oa, Marquesas, Französisch Polynesien
Wir sind in der sogenannten Südsee angekommen.

Sonntag, 22. Januar 2023

Ach wie schön ist Panama

Wir sind wirklich überrascht. Janosch war wohl schon einmal hier. Bisher verband ich das Land nur als Tor zum Pazifik. Der Panamakanal ist berühmt und für jeden Reisenden auf dem Wasser ein Meilenstein. Aber Panama ist mehr. Panama sind auch Guna Yala, Regenwald mitsamt seiner fantastischen Tierwelt, Panama Citys bleistiftdünne Hochhäuser und idyllische Altstadt und die Perleninseln, ein Paradies im Pazifik mit glasklarem Wasser, Walen, Delfinen, Mantas und Walhaien. 

Die Tierwelt des Regenwaldes haben wir in der Shelter Bay Marina direkt vor der Haustür. Von den autonomen Gunas haben wir schon erzählt. Dann geht’s durch den Panamakanal. Seine Schleusen sind die größten der Welt. Im Inselparadies der Guna lernten wir Flurina und Ramon von der Pachific kennen. Sie bleiben mit ihrem Boot im Atlantik. Wir sind ihre Gelegenheit, eine Fahrt durch das Tor in den Pazifik selbst mitzuerleben. Mit den beiden haben wir nicht nur zwei äußerst hilfsbereite, fleißige Segler als Linehandler an Bord, sondern neue Freunde fürs Leben gefunden. Es war schon lange nicht mehr so fröhlich auf der Lady und ich genoss das in vollen Zügen. Jacqueline begleitet uns ebenso. Sie will mit ihrem Mann auf ihrer Avanti durch den Kanal, sieht so schon einmal wie es geht und trägt ebenfalls zur guten Stimmung an Bord bei. Vom Atlantik in den Pazifik benötigen wir mit Übernachtung ziemlich genau 24 h. Die Fahrtzeit beträgt etwa 12 h. Sechs Schleusenkammern durchqueren wir. Erst drei nach oben in den 26 m höher gelegenen Gatúnsee und den Kanal. So musste man nicht so tief graben. Am zweiten Tag geht’s wieder runter in den Pazifik. Die Skyline von Panama City und unzählige Containerschiffe begrüßen uns. Schaut euch unbedingt den Film dazu an.

Ein Besuch der Altstadt lohnt sich. Obwohl es bereits eine landseitige Umgehungsstraße gab, hat man noch eine im großen Bogen übers Meer geführt. So etwas sehen wir zum ersten Mal. Casco Viejo gefällt uns. Das Kanalmuseum ist leider geschlossen, weil eine neue Klimaanlage eingebaut wird. Es gibt ein Mola Museum. Dies wird eine echte Entdeckung und erzählt nicht nur vom Textilkunsthandwerk, sondern auch von der Kultur der Guna. Die Altstadt ist jedoch so überschaubar, dass ein Tag reicht. 


Die Las Perlas sind ein weiteres Paradies auf dieser Erde. Von den 183 Inseln sind 39 bewohnt. Zum Frühstück besuchen uns Wale und Delfine. Unter unserem Boot schwimmt ein Walhai entlang und eine Menge Rochen, darunter sogar Mantas und gefleckte Adlerrochen. So viele goldgelbe Strände gibt es hier, dass wir gar nicht alle besuchen können. Die Ankerplätze sind fast leer. Wo sind all die Segler hin? Wir holen die SUPs heraus und paddeln zwischen den Inseln wie in einer Binnenseelandschaft, üben den Drohnenflug und machen erste Aufnahmen. Die vielen Vogelschwärme versetzen mich in einen Avatarfilm, in dem die Welt noch in Ordnung ist. Unglaublich!


Ein letztes Paket liegt seit zwei Wochen beim Zoll. Diese Schattenseite des Seglerlebens kennt ihr ja bereits. Bis zum Schluss hoffen wir, dass uns ein anderes Boot aus der Shelter Bay Marina, das unsere Richtung nimmt, mitbringt. Nach zehn Tagen engagiert Stefan einen Zoll-Agenten. So etwas gibt es also auch. Er muss suchen und wir sind gespannt, ob er das Paket für uns aufspüren kann. Das Wetterfenster für das Crossing rückt näher und wir werden es nicht verstreichen lassen. Die Fahrt wird auch mit dem richtigen Wind schon lang genug. Mindestens drei Wochen werden wir für die ca. 3.800 sm benötigen. Das wird unser bisher längstes Crossing.


Panama Kanal Crew: Ramon, Flurina,
Stefan, Ricarda, Jaqueline


Rufous Motmot, eine echte Entdeckung

Nasenbären schnüffeln überall im Wald herum.
(White nosed coati)


Besondere Freundschaften gibt es auch unter Tieren.

Eindrucksvolle Raubvögel…

…schauen gern von oben auf uns herab. (Black Hawk)

Loris sind nach den Brüllaffen die zweitbesten Krachmacher.

Porto Bello ist einen Besuch wert.

Die Lady wird vermessen: das sind also 54 Fuß 🤪

dicke Fender, lange Leinen, Agent Stanley und Freund Ramon

Panamakanal @wiki 


Panamakanal: Schau das Video
https://youtu.be/bAzpfCaxlzg

die drei Damen von der Lady Charlyette:
Jaqueline, Ricarda und Flurina

Panama City ist schöner als erwartet.

Erst Drohnenflugversuche in Las Perlas Archipel

Strandidyll in den Las Perlas

Inseldorfkirche im Aufbau

Liebe Grüße aus dem Pazifik (Golf von Panama)



Mittwoch, 4. Januar 2023

San Blas Inseln - Atolle in der Karibik

Die San Blas Inseln gehören zwar zu Panama werden jedoch autonom regiert. Vor ca. 100 Jahren erkämpfen sich die Kuna ihre Freiheit und so entsteht das Territorium der Kuna. Seither heißen die San Blas Inseln Kuna Yala oder besser Guna Yala, da in der Sprache der Kuna kein K existiert. Diese indigene Bevölkerung soll von den Kariben, welche eins sämtliche karibische Inseln bevölkerten, abstammen. Sie sind offenbar die einzigen Überlebenden des Genozids, den die europäischen Seefahrer hier veranstalteten. Nun verwalten sich die Kuna selbst und das macht ihr Gebiet für uns zum begehrten Reiseziel. Ein Segler erzählt sogar begeistert: „Bei den Kuna regieren die Frauen und insbesondere sie haben ihr Volk befreit, die letzten Amazonen quasi.“ Ich weiß nicht, wo er das her hat und ob die Geschichte stimmt, aber interessant hört sie sich auf jeden Fall an.

Wir wollen die letzten Indigenen der Karibik kennen lernen und kreuzen von Colón zwei Tagestouren hart gegen Wind und Welle zurück nach Osten zum Punta San Blas. In Porvenir melden wir uns ordnungsgemäß an und bezahlen die geforderte Besuchersteuer von 60 $. Diese gilt für 4 Wochen. Wer länger bleiben will, zahlt erneut. Ich kann mich nicht erinnern, ein so gelassenes, freundliches Einklarierungsprozedere je erlebt zu haben. Migda begrüßt uns warmherzig, schnell sind wir im Gespräch und fühlen uns fast wie zu Hause. Zwischen den Inseln gleiten schlanke dunkelbraune Einbäume mit Segeln auf dem nur leicht gekräuselten Wasser. Ein Eiland ist komplett mit kleinen Hütten bebaut. Die Kinder am Steg winken fröhlich zu uns hinüber. 


Kaum hält der Anker, legt das erste Einboot bei uns an. Frauen bieten ihre Handarbeiten an. Berühmt ist die „Mola“, quadratische Stoffe auf denen Muster und Bilder genäht sind. Ich schaue genau hin. Drei unterschiedlich gefärbte Schichten liegen übereinander. Die Muster und Bilder werden aus den oberen beiden geschnitten und alle Kanten dann komplett umstickt. Das Tragen die Frauen dann auf Brust und Rücken indem sie es auf ihre Blusen nähen. Diese Tradition entsteht, nachdem die Missionare die Kuna überzeugten, Kleidung zu tragen. Nun waren jedoch ihre Tatoos nicht mehr zu sehen. Die Muster auf den Körper waren wie ein Name und gehören zur Identität. Also behilft man sich so. Auch die Beine und Arme sind mit außergewöhnlich breiten Perlenbänder bedeckt. Tätowierungen kann ich nicht entdecken. Die Kuna kommen uns täglich mehrfach besuchen. Sie bieten nicht nur ihre Handarbeiten an, sondern auch Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch und Eier, die sie vom Festland herbeischaffen. Auf den Inseln wachsen nur Kokosnüsse, Bananen und ein paar Papayas. So kommt erstmalig der Supermarkt zu uns und das genießen wir sehr. Ich habe nicht einmal das Gefühl, dass es teurer ist. Die Kommunikation klappt meist ganz gut in Spanisch. Für die Kuna ist es ebenso eine Fremdsprache wie für mich. Nun zahlen sich meine vielen Lernstunden aus.


Wir entdecken im Kuna Yala ein Paradies aus Atollen. Nur wenig guckt aus der Wasseroberfläche heraus, das meiste liegt darunter. Auf den kleinen Sandhügel wachsen Palmen, deren Wurzelgeflecht die Insel zusammen hält. Viele sind unbewohnt. Auf etwas größeren leben ein oder zwei Familien in traditionellen Hütten. Auf einigen stehen sogar frisch bemalte Ferienhäuser. Man erkennt sie von weitem, das die naturbelassenen Kunahäuser zwischen den braunen Palmstämmen optisch fast verschwinden. Mit einer Familie kann ich eine Fahrt in einem Einbaum vereinbaren. Sie liegen viel stabiler im Wasser als gedacht und das einfache Segel bringt diese schlanken Boote schnell in Fahrt. Gesteuert wird mit dem Körpergewicht und dem Paddel. 


Weihnachten feiern wir erst auf dem Wingfoilbrett. Wir haben ein ganzes Artoll für uns allein. Dann koche ich groß. Mit Nelly und Allan von der Meerla verbringen wir einen Abend mit einem 4-Gänge-Menu und den zweiten am Lagerfeuer auf einer einsamen Insel. Silvester haben wir dann eine noch kleinere Insel ganz für uns allein. Auf das alte und neue Jahr stoßen wir nach deutscher Zeit an, zeitgleich zum Sonnenuntergang. Am flachen weißen Strand tanzen wir nach ABBA-Musik und kommen pünktlich ins Bett. 


Kuna Yala ist eine echte Entdeckung. Die Einwohner sind zurückhaltend freundlich und sehr hilfsbereit. Sie scheinen zufrieden, auch wenn das Internet fast gar nicht läuft und die Lebensverhältnisse sehr einfach sind. Anders als in Asien sehen wir in den Holzhütten keine Flachbildschirme. Die Kinder spielen nackt im Sand und im Wasser, statt am Handy. In den Hütten stehen keine Möbel, allenfalls ein paar Kisten am Rand. Genug Platz für Hängematten, die nachts dicht an dicht alle Familienmitglieder aufnehmen. Oft leben drei Generationen in einem Haus, das nur aus Außenwänden und einem Dach besteht. Kinder toben zahlreich und in jeder Größe herum, nur die Allerkleinsten werden getragen.

























2022 war toll, auf ein weiteres erlebnisreiches Jahr