Nach Staniel Cay benötigen wir eine Bucht, die uns vor einem 40 Knoten-Westwind schützt. Zumindest warnt die Wettervorhersage vor diesem Tiefdruckgebiet. Das ist in den Exumas nicht so einfach, besonders, wenn man mit einem Tiefgang von 2,10 Meter herum fährt. Zwischen den Inseln auf der Korallenbank der Exumas ist es meist flacher. Da wir immer noch auf dem Weg nach Norden sind, sucht Stefan uns eine Bucht an der Belle Island aus. Die befindet sich zwar bereits im Naturschutzgebiet und jede Nacht muss bezahlt werden, aber eine wirkliche Alternative gibt es nicht. Um dort hin zu kommen, können wir einen großen Umweg fahren oder zwei Sandbänke überwinden, was laut Karten während des Hochwassers möglich erscheint. Es klappt. Mit einigen anderen Booten liegt unsere Lady nun geschützt vor Anker. Noch weht es auflandig, so dass wir noch einmal kiten können. Danach dreht der Wind und nimmt beständig zu. 40 Knoten werden es nicht, aber Böen mit 35 Knoten sind auch ordentlich laut. Besonders unangenehm ist, dass sich die Luft auf 18 Grad abkühlt. Mit Wollsocken, Kaschmirpullover und warmen Haushosen halten wir die heiße Teetasse in den Händen oder verkriechen uns ins warme Boot. Die Heizung hilft abends und morgens. Plötzlich stecken wir mitten im Bahamaswinter.
Danach tasten wir uns kurz vor dem Ende der Flut über die Sandbänke und durch schmale Rinnen. Das Tiefensonar wird ununterbrochen kontrolliert und dann steht dort die 0,0! Ein leichter Ruck geht durch das Schiff und die dicke Köchin wird in den Bug geschickt. Was das bei 23 Tonnen Schiffsgewicht ausmachen soll, sei dahingestellt, denn der Capitano hat das Sagen. Mit den Luftbildern von Google geht es dann besser. Unsere Karten waren nicht ganz korrekt. Die von den Strömungen geschaffene, schmale Rinne, liegt einen Meter neben uns. Dort tasten wir uns weiter und erreichen ohne weitere Grundberührung unseren Ankerplatz. Der Einsatz hat sich gelohnt. Wir sind im Paradies angekommen und mal wieder komplett allein. Die Sonne brutzelt, der Sommer kehrt zurück und im Windschatten kann ich wieder alle Kleider von mir werfen. Den Nachmittag nutzen wir zum Schnorcheln. Ein paar Tage später können wir sogar kiten.
Weiter geht es nach Norden über den Schnorchelspot Rocky Dundas. Bunte Fische und eine Höhle sind die Highlights. Wie so oft in den Exumas, präsentieren sich die Korallen grau veralgt und zerbrochen. Nur kleine farbige Landschaften zeugen partiell vom Neuanfang. Die Insel Shroud Cay ist für ihre Mangrovewflüsse bekannt. Auf einer mehrstündigen Dingitour sehen wir in glasklarem Wasser Rochen, Haie und Schildkröte neben Schwärmen kleiner Fische schwimmen. Besonders beeindruckt mich jedoch die Landschaft aus türkisfarbenem Wasser, kantigem Korallengestein, Luftwurzeln und grünen Blättern.
Am Normans Cay besuchen wir das Flugzeug vom Drogenbaron Pablo Escobar. Es liegt bereits seit einiger Zeit im seichten Wasser zwischen den Inseln. Man munkelt, dass die C-46 schlichtweg überladen war und deshalb ins Meer stürzte. Bis 1982 wird die Insel als Hauptquartier für den Drogenschmuggel genutzt. Heute ist es hier ruhig. Eine neue Marina ist noch im Bau. Der Naturpark liegt nun hinter uns und im Norden lockt ein Funkmast, der Internet verspricht. Also segeln wir weiter bis Highborne Cay. Nach drei Tagen Funkstille läuft das Internet wieder. Hier können wir bleiben.
Yelena und Marcel sind mit ihrer Tomskii bereits auf dem Weg nach Florida. In Highborne Cay lernen wir Andrea und Marco kennen. Sie liegen mit ihrer Gonzo in der selben Bucht. Nach den ersten englischen Sätzen wird schnell klar, dass wir deutsch weiter reden können. Wieder lernen wir ein interessantes, sympathisches Seglerpaar kennen, treffen uns abends zum Wein und tauschen Geschichten aus. Während die Lady einen Abstecher zu nächsten Inselgruppe macht, filmt uns Marco mit seiner Drohne. Andrea ist Fotografin und plant ein Fotoshooting mit mir. Sie hat ihre große Kamera in ein wasserdichtes Gehäuse gepackt und will das Meer in ihre Kunst einbeziehen. Ich spiele das erste Mal in meinem Leben das Model und werde mit einem fröhlichen Nachmittag sowie tollen Bildern belohnt.
Nun genießen wir bereits zwei Monate die Bahamas. Mit dem nächsten Nordwind müssen wir den Rückweg antreten.
Liegeplatz mit gefiederten Nachbarn am Pipe Cay
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