Montag, 7. November 2022

Verloren im Dschungel - La Ciudad Perdida

Zum Abschluss unserer viermonatigen Reise über Land ist der Norden Kolumbiens dran. Stefan möchte gern Cartagena sehen, ich die Ciudad Perdida in der Nähe von Santa Marta. Da sie mitten im Regenwald liegt, ist eine viertägige Wanderung notwendig, um das vorspanische Zeugnis der hiesigen indigenen Kultur zu sehen, inklusive Schlafsäle, Gemeinschaftsbäder und vielen anderen Wanderern in einer Gruppe. Das scheidet für Stefan definitiv aus. Das ist uns beiden klar wie Kloßbrühe. Mein lieber Mann hat die rettende Idee. Während ich die Wanderung machen, fliegt er schon zurück, widmet sich dem Boot und will sogar versuchen, die Lady vor meiner Rückkehr ins Wasser zu bringen. Das klingt für mich außerordentlich charmant.

Cartagena ist eine hübsche koloniale Stadt. Die Händler sind aufdringlich, es gibt einfach zu viele und jeder will seine Miete bezahlen. Ich finde die Männer mit den Huttürmen auf dem Kopf lustig. Sie haben die unterschiedlichsten Bastsombreros für Frauen und Männer auf dem Kopf, dreißig bis fünfzig Stück, mindestens einen Meter hoch und die wollen sie natürlich loswerden. Aber sie haben Humor. Wenn ich frage, ob es ein Geschenk wäre, dann nicken sie: „Un regalo, solo 50 000 Pesos.“ Wir lachen zusammen und jeder geht seiner Wege. Insgesamt hat die Stadt nichts Spektakuläres zu bieten, die Menschen sind freundlich, sehr hilfsbereit und fröhlich. Die Musik ist laut, manchmal dröhnen die Booster so, dass es weh tut. Wir besuchen den Vogelpark und das lohnt sich wirklich. Die Harpie und der Condor sind die Highlights. Der Ausflug dorthin war nur mit Lunch und Strand zu bekommen. Die Playa ist aber eher eine Montaña de la Basura. über all liegen Berge aus Plastikmüll. Der Krach aus den Boxen ist kaum auszuhalten. Wir sind diesbezüglich eben einfach verwöhnt.


Ich fahre mit dem Bus nach Santa Marta, während Stefan schon im Flieger sitzt und gespannt ist, was ihn auf der Lady erwartet. Eine Protestblockade sperrt die Straße komplett. wir stehen fünf Stunden, bevor es nach dem Dunkelwerden weitergeht. Immerhin muss ich nicht im Bus übernachten. Dann entdecke ich die kleine koloniale Stadt. Sie ist die älteste der Konquistadoren in Kolumbien. Mir gefällt sie besser als Cartagena. Ich buche meine Wanderung: vier Tage durch den Dschungel, am drittel sehen wir die Verlorene Stadt. Ich bin in einer Gruppe mit einer niederländischen sechsköpfigen Familie und einem kolumbianischen Pärchen, als einzige Soloreisende. Die andere Gruppe der Agentur hat mehrere Soloreisende, aber die sind mit sich selbst beschäftigt. So finde ich wenig Kontakt und fühle ich von Anfang an ein wenig verloren. 


Aber der Weg ist toll. Meinen kleinen Rucksack merke ich kaum und die Natur rundherum ist grandios. Wir treffen immer wieder Indigene, die hier ohne Straßen und mit wenig moderner Technik in traditionellen Häusern ihr Leben leben. Wasserfälle, Schmetterlinge, Vogelkonzerte, übergroße Blätter, Lianen und Baumriesen. Der Regenwald hat viel zu bieten. Ich genieße die Wanderung in vollen Zügen. Dabei tut das Alleinsein auch nicht so weh. Aber ich bin ständig auf Habachtstellung. Wo ist meine Gruppe, wo sind die Guides? Stehenbleiben, gucken, fotografieren und genießen ist nicht vorgesehen. Also muss ich mich beeilen, mich kurz fassen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Zu schnell verschwinden die bunten T-Shirts in dem dichten Grün. Und dann passiert es doch. Zum Glück ist ein Teil der Gruppe hinter mir. Ich warte an der nächsten Weggabelung. Sekunden werden zu Minuten und dann sehe ich endlich die ersten bunten Punkte zwischen den vielen Blättern. Abends vor dem Besuch der Ciudad Perdida erzählt unsere Reiseführerin die Geschichte dazu. Das erfahre ich erst zufällig am nächsten Tag. Man hat einfach vergessen mir Bescheid zu sagen oder mich zu holen.


Die verlorene Stadt ist interessant, aber das besondere ist, dass auch hier noch immer Nachfahren der einstigen Stadtbewohner leben. Das habe ich so noch nicht erlebt. Stell dir vor, aus den ägyptischen Pyramiden kommen plötzlich Leute in traditioneller Kleidung und gehen ihren Tagewerk nach. Das hier ist einmalig. Vor ein paar Jahren wurden 70 000 Indigene auf der Sierra Nevada gezählt. Vor der Conquista sollen es etwa 10 000 gewesen sein. 


Da ich die einzige in der Gruppe bin, die vier Tage gebucht hat, muss ich meine Gruppe am letzten Tag verlassen. Ich laufe allein mit Maria, der Übersetzerin zurück. Die andere Gruppe der Agentur scheint ebenso den Rückweg anzutreten. Warum gehe ich nicht mit ihnen mit? Der Rückweg wird hart, wenige kurze Pausen, in der zweiten Hälfte gar keine mehr. Immer wieder werden wir überholt und immer wieder denke ich, nun sind wir aber die letzten. Maria macht Druck. Wir dürfen nicht zu spät kommen, da der Regen die Flüsse anschwellen lässt und wir dann nicht mehr zurück nach Santa Marta kommen. Ich gehe schnell, was sich bald rächt. Etwas langsamer komme ich wenigstens an. 


Statt Applaus von all den anderen erwartet mich gähnende Leere im Restaurant, wo es Mittag geben soll. Ein Jeep steht noch da. Der wartet wohl nur auf mich. Ich bin zu spät, ich war zu langsam. Alle anderen sind wohl schon über alle Berge, durch die anschwellenden Flüsse, Richtung Santa Marta unterwegs. Ich soll hier essen und dann würden wir erst fahren. Mein Vorschlag , dass wir auch gleich fahren könnten, wird nicht angenommen. Nein nein, ich soll erst essen. Ich gehe auf die Toilette, wasche meine Hände und als ich zurück komme, fährt der letzte Jeep gerade los. Maria ist weg, das Auto ist samt dem Fahrer weg und ich habe mir nicht einmal seinen Namen sagen lassen. Ich frage in der Küche nach meinem Guide. Sie wäre nun schon bei der anderen Gruppe. Ich bin allein, mein Hals wird immer enger, ich bekomme immer weniger Luft, kann kaum noch denken, nicht mehr sprechen, an essen ist gar nicht zu denken. Nun werde ich bis morgen Mittag auf die nächsten Autos warten müssen. Und dafür all die Anstrengung, knapp 20 km hoch und runter, durch den Matsch mit fast keinen Pausen in sechseinhalb Stunden. Das hätte ich mir sparen können. Die Tränen rollen, ich schluchse und schäme mich auch noch, dass sich eine erwachsene Frau so gehen lässt.


Eine halbe Stunde später kommt der Fahrer mit seinem Jeep wieder, ich springe auf und will sofort einsteigen, aber er schüttelt den Kopf. Noch eine halbe Stunde später darf ich mich reinsetzen und es geht los. 100 Meter weiter sehe ich dann all die anderen Wanderer aus anderen Restaurants kommen und in andere Jeeps einsteigen. Sie sind alle noch da. Ich war gar nicht zu spät. Meine Angst, dieses überwältigende Gefühl, allein gelassen zu werden, mein emotionaler Zusammenbruch waren völlig unnötig. 

Warum wurde ich dort in dem Restaurant ganz allein gelassen? Warum sollte ich allein essen, wenn doch alle anderen zusammen etwas weiter beim Mittagessen sitzen? Wer isst und ist denn gern allein, wenn er oder sie nicht muss? Ich weiß es nicht und bekomme auch keine Antworten, auch am nächsten Tag in der Agentur nicht.


Obwohl meine Waden und Hüften heftig schmerzen, wiegen die seelischen Wunden dieser Wanderung deutlich schwerer. Ich brauche ein paar Tage bis sie heilen und ich mich wieder an die schönen Dinge erinnern kann. Zwei Tage später holt mich Stefan auf Aruba am Flughafen ab. Ich bin wieder Zuhause und nicht mehr allein.


Uhrenturm und Stadtmauer in Cartagena


hübsche koloniale Hafenstadt…


…mit Cafés, Restaurants und Hotels


nordisch meets columbiano


Foto für ein Trinkgeld


Sogar die Iguanas sind bunt.

Alle drei Arten auf einem Bild.

Tukan gelb


Tukan weiß

kolumbianisch bunter Geiervogel, König der Hühner

Der Azulejo heißt wie die Fliese in Lissabon.

wunderschöne Harpie

Aruco, großer Hühnervogel mit Antenne

Der Hornrabe hat echte Wimpern.

einfach schön, der Kronenkranich

Santa Marta, das Haus der 14 Fenster

Strandleben am Sonntag

Sonnenuntergang mit Abschiedsdrink

Zum Ausgangspunkt der Wanderung geht es eine Stunde
mit dem Jeep durch den Regenwald.

Die Strecke stark vereinfacht an die Wand gemalt.

Ich genieße die Wanderung und die Natur um mich herum.

alleinstehendes Gehöft am Wanderweg


Dorf mit 40 Häusern

Versammlung im Dorf

Wohnhäuser auf den Terrassen der Ciudad Perdida


Kind auf den Terrassen in der Ciudad Perdida


JWD, janz weit draußen = far far away

Am Ziel, im Hintergrund wahrscheinlich die Tempelterrassen.


68,3 km, 2000 Höhenmeter und genau so viele wieder runter,
durch Schlamm und Flüsse, über Stock und Stein,
ohne Geländer und doch geschafft







Dienstag, 25. Oktober 2022

Peru - Auf den Spuren der Inka Teil 3

Nun rücken wir aber den Inka auf den Pelz. Von Puno gehts nach Norden in die Inkahauptstadt Cusco. Auf dem Weg liegen die Regenbogenberge (Las Montañas Colores), mehr bekannt als Rainbow Mountains. Aus den Wasserratten werden nun endgültig Bergziegen, denn wir wandern auf einem Bergrücken fast 5000 m über Null und steigen dazu über 300 Höhenmeter, ohne Sauerstoffmaske. Ich habe keine Probleme. Stefan muss bewusst und gleichmäßig einatmen, dann geht es auch ihm gut. Nie hätten wir gedacht, dass wir diese Höhe ohne Einschränkungen so gut aushalten. Wir sind stolz auf uns und genießen die einzigartigen Farben dieser Berge. Die Straßen dorthin ist wieder einmal eine Zumutung, aber was Kleinbusse schaffen, schafft auch unser alter Toyota. Bei Gegenverkehr wird es sehr eng, aber unterwegs schauen uns die Alpakas und Lamas ins Fenster und ich kann jeder Zeit anhalten um ihnen beim Kauen der Grashalme zuzuschauen und zum tausendsten Mal: „Ach wie süß!“ zu rufen. Stefan hat sich schon lange anstecken lassen und so schwelgen wir beide im Alpakahimmel, wortwörtlich in Wolken aus Wolle.

Cusco ist noch einmal ein Level touristischer als Arequipa. Die Straßen der alten Stadt sind so eng, dass oft nur ein Auto hindurch passt. Überall hupt es, Fußgänger quetschen sich durch die Blechlawinen. Straßenverkäufer nutzen jeden freien Platz. Es ist der städtische Wahnsinn einer historischen Stadt in der Gegenwart. In einer der Gassen laufen uns die Segler Annette und Michel über den Weg, einfach so, ganz unerwartet. Auf dem Berg neben dem Hauptplatz, oberhalb der spanischen Kathedralen finden wir dann eine echte Inkafestung und bewundern die schweren hohen, fast nahtlos zusammengesetzten Mauern. Die inzwischen gut trainieren Bergziegen schaffen den Berg zu Fuß.


Peruanische Frauen in traditioneller Kleidung mit Alpakajungen und Lämmern lassen sich für ein Trinkgeld fotografieren. Ich halte die lebendigen Wollknäule mit ihren zarten Nasen in meinen Armen und würde sie am liebsten mitnehmen. „50 Dollar und im Flugzeug so unter die Jacke stecken.“, zeigt mit die humorvolle Indigene. Einen Tag taumeln wir im Touristentrubel, dann gehts ins Heilige Tal. Dort finden sich weitere Zeugnisse der Inka. Pisaq, Ollantaytambo und Machu Picchu sind die Highlights. Aber auch die Salzterrassen und das Agrarforschungslabor Moray sind sehr sehenswert. Pisaq beeindruckt uns besonders. In Ollantaytambo finden wir eine fast ursprüngliche Inkastadt. Der Ort ist sehr interessant, erstickt jedoch im täglichen Touristenchaos der Kleinbusse und Souvenirverkäufer. Die Abgase verpesten die Luft dermaßen, dass ich freiwillig meine Maske trage und der Lärm erstickt jedes Wort. Machu Picchu klemmt nicht nur zwischen Bergen wie Eckzähne. Der Ort wird von Touristen und Regularien gleichermaßen erdrückt. Die schlappen 2400 m über Null machen uns keine Probleme mehr. Die insgesamt 600 Höhenmeter von Agua Caliente im Tal zur Inkastadt auf dem Berg nehmen wir in 70 Minuten. Der Ausgangspunkt aller Machu Picchu Besucher am Urubamba ist nur mit dem Zug zu erreichen. Autos gibt es hier nicht. Der gesamte Ort ist ein einziger Markt aus Souvenirständen, Läden, Hotels, Restaurants und Cafés.


Die Rückfahrt über die Anden nach Lima wird noch einmal eine Zusammenfassung unserer gesamten Reise: Berge, Gletschergipfel, Vicuñas, Lamas und riesige Alpakaherden, stille Seen auf der Hochebene, einsame Orte und brodelnde Städte im lärmenden Verkehrschaos, unzählige Laster auf Serpentinenstraßen, die sich steile Hänge hinauf und hinunter schlängeln, Baustellen, an denen wir stundenlang warten, Erdrutsche, die Straßen unter sich begraben, Felsbrocken, die wie Styropor durch die Luft fliegen… 

Es ist zu viel für unseren Block. Ich werde mich wieder hinsetzen und ein Buch schreiben müssen. Vorerst müssen der Post, unsere Bilder und die Filme reichen.


Video: https://youtu.be/u9VU_2jjJK8


Abseits von Touristenpfaden…


…eine vom Steinschlag zerstörte Nekropole

für bezahlte Fotos herausgeputzt

Bosque de Piedras, Wald der Steine auf 5000 m

Montañas Colores, Rainbow Mountains, Regenbogenberge

viele Schichten unterschiedlicher Mineralien

Mutter Natur schwang den Pinsel

Gletscherkamm mit Gipfel Auzangate 6384 m am Horizont

Cusco Hauptstadt der Inka

wenige Eingangstore …

…in beeindruckenden Mauern…

…aus riesigen Felsquadern

Fotos für Bezahlung

Blick auf die Terrassen von Pisaq im Heiligen Tal der Inka

Tempelquartier Pisaq auf einem Bergrücken 

Salinen von Maras im Heiligen Tal der Inka

Ollantaytambo, besterhaltene Inkastadt

Festung von Ollantaytambo

Straßenszene in Ollantaytambo

während des Webens noch den Korb auf dem Kopf

Moray: Agrarforschungsstation der Inka

Lamas mit Besitzerin

Ich kann nicht widerstehen.

Lämmerliebe, guckt euch die Ohrringe aus Wolle an.

600 hm in 70 Minuten, die Berziegen grüßen 

Machu Picchu: ein Zufluchtsort der Inka zwischen spitzen Bergen